Streit um kontroversielle Parkinson-Therapie neu entbrannt

14. März 2001, 19:59

Transplantierte Fötalzellen führen zu Nebenwirkungen

Wien - In der Debatte um eine Therapie gegen die Parkinson-Krankheit, bei der embryonale Dopaminzellen in das Gehirn von Patienten transplantiert werden, haben Berichte der britischen Tageszeitung The Guardian sowie der New York Times für neue Aufregung gesorgt. Bei der Therapie werden Zellen von abgetriebenen Föten in das Gehirn von Parkinson-PatientInnen transplantiert. Der Hintergrund: Nervenzellen von Embryonen können wachsen, "erwachsene" Nervenzellen nicht. Im Idealfall siedeln sich Fötalzellen im Gehirn der PatientInnen an und nehmen die Dopaminproduktion wieder auf.

Den Zeitungsberichten zufolge ergibt eine Studie der Columbia University in New York und der University of Colorado, dass die Verpflanzung von embryonalen Zellen lediglich bei Erkrankten unter 60 Jahren zu einer Verbesserung führe, aber gerade bei ihnen gravierende Nebenwirkungen aufgetreten seien. In 15 Prozent der Fälle seien die Nebenwirkungen sogar schlimmer als die Schüttellähmung selbst, sagte der Neurologe Paul Greene als Mitglied des ForscherInnenteams gegenüber der New York Times: "Die PatientInnen kauen ständig, ihre Finger bewegen sich unfreiwillig auf und ab, die Gelenke zucken." Die transplantierten Zellen hätten Überdosen Dopamin produziert, "und wir können es nicht abstellen", sagte Greene.

Werner Poewe, Neurologe an der Uni Innsbruck und Präsident der österreichischen Parkinson-Gesellschaft, bezweifelt den therapeutischen Ansatz seiner amerikanische KollegInnen: "In ForscherInnenkreisen wird seit rund eineinhalb Jahren über diese Studie diskutiert. Es handelt sich dabei um eine so genannte Doppel-Blind-Studie - eine Methode, wie sie normalerweise bei Medikamententests angewandt wird: Nur einem Teil der PatientInnen, denen zur Durchführung der Operation vier Löcher in den Schädel gebohrt wurden, wurden die Zellen tatsächlich transplantiert. Außerdem wurde das embryonale Gewebe nicht sofort nach dessen Entnahme aus dem Embryo verpflanzt, sondern einige Wochen konserviert - die Zahl der überlebenden Zellen sinkt in dieser Zeit natürlich dramatisch." Bei einem ähnlichen Experiment in Schweden, wo 14 Testpersonen Transplantationen bekamen, seien bis heute keine Probleme aufgetreten, sagt Poewe.

Die Sorge der WissenschafterInnen sei aber, dass eine Studie, "deren Ansatz nicht funktionieren kann", Einfluss auf die Forschung gewinnen könnte. Die künftige Transplantation von Stammzellen zur Heilung von Parkinson sieht Poewe aber nicht gefährdet, denn "embryonale Dopaminzellen werden immer ein Minderheitenprogramm bleiben": Zur Behandlung von einem/einer Patienten/in benötige man sechs bis acht Föten.

Eva Stanzl - DERSTANDARD, Print-Ausgabe vom 16.3.2001

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