Das schicksallose Wesen

14. März 2001, 15:22

Philosoph Robert Spaemann erhebt grundsätzliche Einwände gegen das Klonen

Wien - Während sich der römische Frauenarzt Severino Antinori nach einem neuen Geburtsort für seinen Klonmenschen umsieht - nach der Absage aus Israel hat er nun Zypern oder eine der Nachfolgerepubliken der Sowjetunion im Auge -, beharrt der renommierte deutsche Philosoph Robert Spaemann auf seinen grundsätzlichen Einwänden gegen das Klonen.

Spaemann, der sich - auch gegen "liberale" Moraltheologen, die sich eine gewisse "Flexibilität" bewahren wollen - wiederholt gegen jede Aufweichung der moralischen Front gegen das Klonen von Menschen ausgesprochen hat, war am gestrigen Dienstag Gast am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM). Im Gespräch mit dem STANDARD nahm er zu den jüngsten Vorgängen rund um Severino Antinoris Klonpläne Stellung.

"Keine offene Zukunft"

Das Hauptproblem sieht Spaemann dabei nicht in der Verdoppelung an sich: Genetisch identische Kopien stellt ja auch die Natur her, indem sie eineiige Zwillinge hervorbringt. Abzulehnen sei das Klonen von Menschen, weil hier der eineiige Zwilling eines Erwachsenen hergestellt werde, "und diesem Zwilling fehlt es an einer offenen Zukunft". Er habe seine Krankheiten und seine Eigenschaften beständig vor Augen, was seine eigene Entwicklung "blockiert". Das gängige Gegenargument, dass es sich dennoch um einen völlig anderen Menschen handle, lässt der Philosoph nicht gelten: "Wie man es dreht und wendet, es ist immer ein Argument gegen das Klonen: Entweder die genetische Disposition ist total dominant, dann nimmt man dem Geklonten die Zukunft, oder sie ist nicht dominant, dann ist das Klonen sinnlos, denn man will ja identische Kopien herstellen."

Die "Perversion" der Idee, man könne per Klonierung gestorbene Kinder ersetzen, bestehe letztlich darin, dass man den Menschen zum "schicksallosen Wesen" machen wolle. Ähnliches gilt für Severino Antinoris Vorstellung, es gebe ein "Menschenrecht auf Kinder", das man notfalls sogar mittels Klonen durchsetzen müsste: "Kinderlosigkeit ist ein Schicksal. Und man sollte die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Paare durch die Annahme dieses Schicksal - etwa durch Adoption eines Kindes - gestärkt werden."

Machbar & unerhört

Spaemann glaubt, der Antrieb von Medizinern wie Antinori bestehe in der "Faszination des Machbaren, das zugleich das Unerhörte ist". Diese Faszination für die neuen Möglichkeiten, die in der Entschlüsselung des menschlichen Genoms liegen, nehme bisweilen sogar Züge des "Bioreligiösen" an: "Peter Sloterdijk ist einer der Promotoren dieses Neuheidentums." Dabei wären religiöse Überzeugungen "der sicherste", wenn auch nicht der einzige "Garant" für den Respekt vor der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens.

Die Kernfrage, um die es in der Bewertung des Klonens geht, ist die nach dem Beginn des Lebens. Und da komme man, so Spaemann, nicht darum herum, dass die Schutzwürdigkeit des Menschen "ab dem Augenblick beginnt, in dem eine Entwicklung einsetzt, an deren Ende ein Mensch steht." Das sei auch, neben der Frage des "Embryonenverbrauchs", das Hauptargument gegen das von ihm abgelehnte "therapeutische Klonen". Es verstoße nämlich gegen die "Menschenwürde", die man mit Kant als die "Selbstzweckigkeit" des Menschen begreifen müsse. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 3. 2001)

Von Michael Fleischhacker
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    foto: semotan
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