Zu blöd, um wahr zu sein?

20. Jänner 2002, 22:22
9 Postings

"Samenraub" - eine Wortkreation auf der Höhe der Zeit

Was wollen bloß die Sprachschützer mit ihrem ewigen Gezeter über den Niedergang der deutschen Sprache? Von wegen. Das Deutsche vermag locker Schritt zu halten mit den neuen Zeiten. Nehmen wir bloß die jüngste Neuerscheinung, die Modevokabel des heurigen Winters, den "Samenraub". Was für ein Wort! Klingt nach billiger Science-Fiction, durchsetzt mit etwas Softporno. So abwegig jedenfalls, dass es tonnenweise Material für schlüpfrige Witze abgibt. Einfach zu blöd, um wahr zu sein: Samenraub.

Doch siehe da: Schon ist in Deutschland ein erster Fall vor dem Höchstgericht gelandet. Und zwar nicht der hinlänglich bekannte von Boris Becker, für den der Boulevard ja das Wort kreierte. Die Causa, die kürzlich den deutschen Bundesgerichtshof beschäftigte, ist weit weniger abgehoben: Ein Paar, bei dem es mit dem Kinderkriegen auf natürlichem Weg nicht klappt, versucht es mit In-vitro-Fertilisation. Drei Versuche scheitern, dann geht der Mann seine eigenen Wege. Befruchtete Eizellen liegen noch auf Eis. Die Frau lässt sich diese - gegen den Willen des Mannes - einsetzen und wird schwanger. Samenraub. Was nun?

Die Erfolge der Reproduktionsmedizin, so zeigt sich einmal mehr, machen die Welt nicht gerade unkomplizierter. Soll der Mann nun verpflichtet werden, volle Alimente zu zahlen, wie es die Frau fordert? Oder soll er - wie er selbst meint - einen Rabatt dafür bekommen, dass das Kind gegen seinen Willen entstanden ist? Ein gefundenes Fressen für alle Fortschrittsskeptiker: Wieder einmal ist bewiesen, dass der Mensch komplexe neuartige Probleme schafft, wenn er in das Entstehen von Leben eingreift. Das beginnt bei der längst zur Routine gewordenen Zeugung von Embryonen im Labor - um die es im konkreten Fall geht - und reicht bis zu derzeit noch heftig umstrittenen Verfahren wie der Präimplantationsdiagnostik, der Keimbahntherapie oder dem Klonen.

Neue Probleme schaffen neue Ängste. Bloß: Dass die Biotechnologie unsere Welt ganz drastisch verändern wird, ist nicht a priori schlecht - und vor allem nicht mehr zu verhindern. Ethiker, Philosophen und Juristen wären gefordert, nicht nur die Mediziner. Stattdessen reagiert man hierzulande gerne nach dem Kopf-in-den-Sand-Prinzip - als ob die Forschungserfolge sich einfach ignorieren ließen.

Eine ernsthafte öffentliche Auseinandersetzung über die Möglichkeiten von Fortpflanzungs- und Biomedizin findet nicht statt. Gesetze hinken der Realität hoffnungslos hinterher. Insofern ist der deutsche Samenraub-Fall höchst lehrreich. Er erinnert in spektakulärer Weise daran, dass in Sachen Fortpflanzung die Zukunft längst begonnen hat.

Vergangene Woche konferierten Reproduktionsmediziner aus aller Welt in Rom über das Klonen von Menschen. Es gibt Patienten, die Interesse bekunden und Ärzte, die ihnen helfen wollen. Zu glauben, dass sie nicht eher früher als später zueinander finden, wäre naiv. Gewöhnen wir uns also an den Gedanken: Alles, was machbar ist, wird letztlich auch gemacht werden. Sicher ist auch, dass sich unsere Nachfahren gegen Ende dieses Jahrhunderts anders fortpflanzen werden als wir es tun. Wahrscheinlich werden die Teenager kommender Generationen routinemäßig ihre Ei- bzw. Samenzellen - für späteren Gebrauch - auf Eis legen, Sex und Fortpflanzung irgendwann völlig voneinander losgekoppelt sein.

Vielleicht behält am Ende der Erfolgsautor Robin Baker Recht, der in seinem jüngsten Buch über den "Sex im 21. Jahrhundert" prognostiziert, Fortpflanzungswillige würden sich dereinst die passenden Ei- oder Samenzellen überhaupt nur mehr nach persönlichen Präferenzen per Internet aussuchen.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass die Weigerung, die neuen Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, in Österreich und in Deutschland besonders ausgeprägt ist. Scheinbar lassen die Gräuel der gemeinsamen NS-Vergangenheit keinen unverkrampften Umgang mit der Zukunft zu. Das kann verhängnisvoll sein. Statt den neuen Technologien mit Angst und Skepsis zu begegnen, sollten sie als Herausforderung verstanden werden. Für die neuen Probleme, die auftauchen, werden sich neue Lösungsmuster finden. Wie gut oder schlecht die sind, wird vom Verantwortungsbewusstsein und Reifegrad der jeweiligen Gesellschaft abhängen. Im Falle des beraubten Vaters entschieden die deutschen Höchstrichter übrigens, dass er - Samenraub hin oder her - zur Zahlung der vollen Alimente verpflichtet ist.

Bleibt nur zu hoffen, dass der Samenraub zum Wort des Jahres 2001 gekürt wird. Sprachschützern sei versichert: Das erste Embryo-Kidnapping kommt bestimmt.

Irene Jancsy

12.03.2001
Share if you care.