Der Phallus als Träger der Seele

1. März 2002, 12:10
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Otto Weiningers Studie "Geschlecht und Charakter" (1903)
Teil 6 von Konstanze Fliedl

Im Wintersemester 1897/98 waren die Studenten der Philosophischen Fakultät der Universität Wien mit einer noch nie dagewesenen Situation konfrontiert: Sie hatten Mitstudentinnen - nach langem Streit war das Frauenstudium endlich zugelassen worden. Im Wintersemester darauf, 1898/99, mussten die Erstsemestrigen dann mit der Tatsache fertig werden, dass es bereits ältere Kommilitoninnen gab, die ihnen auf dem Felde der Wissenschaft, der bis dato exklusiv männlichen Domäne, voraus waren.

Ein junger Mann dieses Jahrgangs verarbeitete den Schock auf seine Weise. Vier Jahre später reichte er eine Dissertation ein, die einen wilden Ausbruch des Frauenhasses "wissenschaftlich" begründet. Wohl hatte die Misogynie des 19. Jahrhunderts seinen Thesen entscheidend vorgearbeitet und die Infantilisierung und Bestialisierung des weiblichen Geschlechts betrieben: Arthur Schopenhauer betrachtete "die Weiber" als "eine Art Mittelstufe, zwischen dem Kinde und dem Manne", Friedrich Nietzsche verglich die Frau mit einem "oft angenehmen Hausthiere". Aber erst der Wiener Dissertant des Jahres 1902 trieb die Polemik gegen die Frau bis zur totalen Auslöschung voran. Otto Weininger (1880-1903), Sohn eines jüdischen Goldschmieds, wurde mit dieser Schrift promoviert, obwohl einer seiner Gutachter die "fortlaufende Insulta des Frauengeschlechtes, die in einzelnen Wendungen geradezu als roh bezeichnet werden muß", immerhin beanstandet hatte. Kurz nach seinen Rigorosen trat Weininger zum Protestantismus über; im Oktober 1903 nahm er sich, dreiundzwanzigjährig, in Beethovens Sterbehaus durch einen Pistolenschuss das Leben.

Seine Studie, die Mitte 1903 unter dem Titel Geschlecht und Charakter als Buch erschienen war, geht interessanterweise gar nicht von sexuellen Oppositionen, sondern von der entwicklungsmäßigen Bisexualität des Menschen aus. Männlichkeit und Weiblicheit (oder "M" und "W", wie Weininger das abkürzt) seien als Idealtypen aufzufassen, die real nur in Mischformen auftreten. Aber diesen Ausgangspunkt verliert Weininger immer mehr aus den Augen, um bei einem krassen Geschlechtsdualismus anzukommen. "M" ist Kultur, "W" Natur und als solche totale Sexualität, als solche schlechterdings amoralisch. Die Folgerungen aus diesem Postulat nehmen beklemmend paranoide Züge an: "Das Weib ist alogisch und amoralisch ... das Weib sündigt nicht, denn es ist selbst die Sünde ... das Weib ist die Schuld des Mannes." Die Frau als "Hexe" scheint nur mehr die Protagonistin eines wahnhaft verzerrten apokalyptischen Theaters zu sein. Aber für Weininger geht es tatsächlich um eine Überlebensfrage, nämlich um das Überleben des von den Krisen der Moderne geschüttelten männlichen Ich. Dieses kann gerettet werden quasi durch ein Damenopfer: Das Weib, sagt Weininger, ist kein Subjekt, sondern immer nur Objekt des Mannes, dessen eigener Subjektstatus dadurch automatisch gesichert ist. Für "W" hingegen gilt: "Das absolute Weib hat kein Ich."

Dass Weininger dann das Judentum als ebenso identitätslos und minderwertig darstellt wie "W" - "der echte Jude hat kein Ich und darum auch keinen Eigenwert" -, mag man, wie Theodor Lessing, auf "jüdischen Selbsthaß" oder, wie Sigmund Freud, auf den Kastrationskomplex als "tiefste unbewußte Wurzel" des Antifeminismus und des Antisemitismus zurückführen. Tatsächlich sind beide, das "Weib" wie der "Jude", Projektionsflächen der Angst vor dem "Geist der Modernität", wie Weininger ihn sieht, dem Geist einer Zeit, "die nicht nur die jüdischeste, sondern auch die weibischeste aller Zeiten ist", "die Zeit ohne Sinn für Staat und Recht". Weiningers Stabilitätsbedürfnis sucht sich Platzhalter des Anarchismus, die er symbolisch eliminiert, um die eigene Daseinsangst unter Kontrolle zu halten. Noch die ausschweifendsten Delirien des Buches folgen dieser Logik.

Für die Repräsentativität ebendieser Logik spricht die Verbreitung von Weiningers Buch. Zwischen 1903 und 1947 erlebte es 28 Auflagen und zahlreiche Übersetzungen. Mindestens ein halbes Jahrhundert lang ist es als ernsthafte Theorie des Geschlechterverhältnisses gelesen worden; in der Literatur von Franz Kafka und Georg Trakl über Robert Musil und Heimito von Doderer bis hin zu Thomas Bernhard hat es entscheidende Spuren hinterlassen. Natürlich waren diese Nachgeborenen weniger von den Thesen selbst fasziniert als von ihrer Monstrosität und Radikalität. Man begeisterte sich für ihre "mörderische Unnachgiebigkeit" (E.M. Cioran). Bezeichnend für eine bereits gebrochene Wirkung ist die Reaktion Ludwig Wittgensteins, der 1931 schrieb, freilich sei es unmöglich, mit Weininger übereinzustimmen, "doch seine Größe liegt in dem, worin wir anderer Meinung sind. Sein gewaltiger Irrtum, der ist großartig." Noch bis in die Gegenwart hinein hat man Weininger zu retten versucht; sein Frauenhass sei bloß eine paradoxe Strategie, um die Frauen zum Beweis des Gegenteils zu provozieren und dadurch zu erlösen: Diese Dialektik ist wohl doch allzu gut gemeint.

Aber in der Tat handelt es sich bei Geschlecht und Charakter nicht um eine individuelle Geistesstörung. Wirklich frappieren kann die Übereinstimmung, die zwischen Weiningers fatalen Behauptungen und den "vernünftigen" Weiblichkeitstheorien seiner Zeit bestand. Ein Beispiel dafür liefert Lou Andreas-Salomé, von deren Essay Der Mensch als Weib (1899) Weininger glatt abgeschrieben haben könnte. Auch bei ihr gilt "das weibliche Element als das geringer Entwickelte", und auch bei ihr fallen diese graduellen Differenzen nach und nach zu krassen Gegensätzen auseinander, sodass die Frau endlich als "das undifferenzierte Stück Natur" erscheint. Prompt folgt daraus die Reduktion aufs alogische Geschlechtswesen. Natürlich fehlt bei Andreas-Salomé die frauenfeindliche Tendenz; in die Fallen, die das Denken in Biologismen und Oppositionen aufstellt, ist aber auch sie sozusagen instinktsicher getappt. Attraktiv war dieses Denken nicht nur für den misogynen Furor; eine ganze Generation legte sich auf seine beruhigenden Simplizitäten und seine verführerischen organischen Metaphern fest. Den Preis eines solchen Diskurses bezahlten allerdings im Ernstfall wieder jene Frauen, die nur als seine Objekte infrage kamen.

Und solches ist von Frauenseite am Ende auch durchaus reflektiert worden. Rosa Mayreder, Vertreterin des linken Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung, hatte auf biologistische Begründungen der Weiblichkeit immer schon mit Gelassenheit und Ironie reagiert. Zu Weiningers Behauptung, der Mann habe die Seele, welche der Frau fehle, gestattete sie sich die trockene Frage, "bei welchem Grade der Männlichkeit die Seele denn anfange". Und mit dem Common Sense, der den Wahn sicherer abtrumpft als die subtilste Widerlegung, schloss sie, Weininger binde die Seele an das primärste Geschlechtsabzeichen und erhebe damit "wider Willen den Phallus zum Träger der Seele". Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen. []

Otto Weininger, Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung. öS 423,-/EURO30,75. Matthes & Seitz, München 1980.

Jacques Le Rider, Der Fall Otto Weininger. Wurzeln des Antifeminismus und Antisemitismus. öS 320,-/EURO23,25. Löcker Verlag, Wien 1985.

Otto Weininger, Werk und Wirkung. Hrsg. v. Jacques Le Rider und Norbert Leser. ÖBV, Wien 1984.

Konstanze Fliedl ist Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Wien.
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