Richterin Kram, "eigenwillig" und "unabhängig"

10. März 2001, 15:55

Shirley Wohl Kram lässt NS-Sammelklagen weiterlaufen

Shirley Wohl Kram, US-Bundesrichterin für das südliche Manhattan, muss sich in ihrer langen Laufbahn bereits daran gewöhnt haben, dass sie sehr unterschiedlich charakterisiert wird: Von GegnerInnen wird sie nicht nur als "eigensinnig" oder "stur" bezeichnet, sondern man wirft der heute 78-Jährigen auch vor, dass sie vielleicht schon etwas zu alt ist, um ihr Amt auszuüben.

Auf der anderen Seite betonen FürsprecherInnen ihren ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, ihren tiefen Respekt vor den amerikanischen Gesetzen, ihre Unabhängigkeit sowie den unermüdlichen Einsatz für Minderheiten, zu denen sie wohl die Opfer des Holocaust zählt. Eines ist jedenfalls sicher: Der in New York als "notorisch eigenwillig" bekannten Juristin scheint es ziemlich gleichgültig zu sein, ob sie mit ihrer jüngsten Entscheidung, die Sammelklagen gegen deutsche Banken nicht abzuweisen, höchste Instanzen wie etwa die deutsche oder die amerikanische Regierung vor den Kopf gestoßen hat.

Recht

Auch die Kritik von Opfern, die eine Hinauszögerung der Auszahlungen der Gelder befürchten, bringt sie nicht aus der Fassung. Denn sie will auf alle Fälle sicherstellen, dass tatsächlich ausreichende Mittel vorhanden sind, um den Opfern Recht widerfahren zu lassen. Höchstes Lob wird ihr jedenfalls von dem notorisch mediensüchtigen Anwalt Ed Fagan gezollt: Shirley Wohl Kram sei nicht leicht einzuschüchtern, meint der selbst nicht gerade zurückhaltende Fagan. Kram argumentiert im Übrigen auch, dass der von ihr im Jänner 2000 gebilligte Vergleich zwischen NS-Opfern und österreichischen Banken durch die derzeitige Vereinbarung mit der deutschen Wirtschaft gefährdet sein könnte.

Die am Christtag des Jahres 1922 in New York geborene Richterin hat ihr gesamtes Leben in New York verbracht. Sie besuchte zunächst das angesehene (und damals noch privat geführte) Hunter College, wechselte danach zur (öffentlichen) City University of New York und absolvierte 1950 ihr Rechtsstudium an der Brooklyn Law School.

Buch

Nahezu zwanzig Jahre setzte sie sich als Armenanwältin der Legal Aid Society für Minderheiten ein und verbrachte die Jahre zwischen 1962 und 1971 im Schwarzenviertel Harlem. Danach wurde sie Richterin im Family Court - ihre dort gesammelten Erfahrungen schlugen sich in einem 1982 publizierten Buch nieder, das sich mit der Vormundschaft von Kindern beschäftigt. 1983 wurde sie von Präsident Ronald Reagan als Bundesrichterin eingesetzt, 1993 erreichte sie dort die Altersgrenze.

Die zierliche alte Dame mit blondem Wuschelkopf (hier gezeichnet von Jane Rosenberg/Reuters) ist äußerst medienscheu - nur selten gibt sie JournalistInnen Einblick in ihre Gerichtsgebarung; und über ihr Privatleben ist nahezu nichts bekannt.

(Susi Schneider, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.03.2001)

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