Kairo

13. Mai 2005, 10:37
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Eintauchen in Kairo bedeutet, sich der interessantesten Kreuzung von Geschichte und Modern Times auszusetzen

Verkehrsstau am Tahrir Platz. Ungewohnt lautes Hupen mischt sich mit orientalischer Musik aus plärrenden Autoradios, Abgase mit dem Duft von gebratenen Maiskolben. Alltagsleben in Kairo, El-Qahira, die "Siegreiche", "Mutter der Welt", wie sie von Gründervätern genannt wurde. Die Weltstadt mit einer mehr als tausendjährigen Geschichte und an die 20 Millionen Einwohnern.

Faszinierend die Mischkulanz: Glaspaläste und Hotelriesen unmittelbar neben zerfallendem Gemäuer, westlich-mondän gekleidete Businessleute neben dem mit seinem Eselskarren voller Gemüse, barfuß-verdreckt frühmorgens aus den "Gärten am Nil" kommenden Bauern. Es gibt hier alles auf einmal. Also heißt es, sich auf das Wesentliche konzentrieren und sich entscheiden.

Erster Tag

4500 Jahre Geschichte heißt, sich Zeit nehmen für das Ägyptische Museum vis-a-vis vom Nile-Hilton am Tahrir-Square. Und wieder gezielt eine Auswahl treffen, denn 155.000 Exponate kann kein Mensch bei einem einzigen Besuch besichtigen. Jedenfalls aber den Grabschatz des Tut-ench-Amun und seine goldene Totenmaske sowie den Mumiensaal. Nach soviel Totenkult empfiehlt sich die Rückkehr ins Reich der Lebenden. Mit dem Taxi (man fährt vorwiegend mit dem Taxi, weil billig und bequem) eine kurze Fahrt zum Khan el Khalili, dem aus einem riesigen Lagerhaus (Khan) entstandenen Basar. Wenn man vom el-Alzhar-Platz kommend hinein geht, stößt man nach wenigen Schritten auf das berühmte Fishawi-Kaffee, in dem es sich lohnt arabischen Tee oder türkischen Kaffee zu trinken und die vielen Straßenhändler zu beobachten beziehungsweise abzuwimmeln. Wer mehr die gepflegte Atmosphäre liebt, sollte das nach dem Literaturnobelpreisträger Nagib Machfus benannte Kaffee aufsuchen, wo es auch köstliche Kleinigkeiten zu essen gibt (Mindestkonsumation 15 Ägypt. Pfund pro Person). Wer sich nicht zu lange beim Einkaufen im Khan aufhält hat noch ausreichend Zeit die El-Azhar-Moschee ("die Blühende") zu besichtigen. Das schiitische Glaubenszentrum und älteste islamische Hochschule gilt noch immer als tonangebend in Fragen des Islam. Da spät zu Abend gegessen wird, lohnt sich ein Besuch im Fishmarket-Restaurant auf dem Nil.

Zweiter Tag

Um die Mittagshitze zu vermeiden fährt man früh am Morgen nach Gisa, um Sphinx, Pyramiden und das eigens für die Sonnenbarke erbaute Museum zu besichtigen. Für Pferdenarren mag ein Ritt durch die Wüste, was einem dort fast aufgedrängt wird, auch ein Vergnügen sein. Zur Erholung vom vielen Schauen bietet sich das Mena-House-Gartenhotel mit einer bezaubernd orientalischen Lobby an. Touristische Abend-Erlebnisse: Eine Nachtfahrt auf dem Nil in einem der Restaurantboote (Menü und Bauchtanzprogramm inkludiert); ein Blick über die bunt beleuchtete Stadt vom 187 Meter hohen Turm El-Burg (mit Restaurant und Café) oder ein Folkloreabend im Khan el-Khalili.

Ganz persönlich

Ägypten besuchen und die Pyramiden nicht sehen ist undenkbar. Kein Foto und kein Film kann je diese Impression der gigantischen Totenstätten der Könige auslösen. Ich persönlich liebe es mehr, alte Gassen zu durchwandern. Viel Gelegenheit dazu bietet der Stadtteil Gamaliya mit den zahlreichen Handwerksbetrieben, wo noch auf der Gasse gearbeitet wird. Hier kann man die Entstehung von Wasserpfeifen, Zierpyramiden oder Kupfertellern beobachten, die dann im Khan el-Khalili verkauft werden. Beeindruckend auch die von internationalen Organisationen finanzierten Rekonstruktions-projekte, wo ganze Häuserzeilen originalgetreu wieder aufgebaut werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 2001)

Von Astrid Zimmermann
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