"Die Schlankheits- Süchtigen werden immer jünger"

9. März 2001, 16:35

Universitätsprofessorin Marguerite Dunitz sieht Ursache im Gesundheitswahn

Wien/Graz - "Mädchen, welche an Anorexia Nervosa leiden, der sogenannten Pubertätsmagersucht, werden grundsätzlich immer jünger. Es ist absolut keine Seltenheit mehr, dass Kinder im Kindergartenalter mit aktiven 'Ich will nicht dick sein' in eine schwere und gesundheitsgefährdende Essverweigerung schlittern." Das weiß Marguerite Dunitz, Universitätsprofessorin für Kinder- und Jugendheilkunde und gleichzeitig auch Psychotherapeutin aus der täglichen Praxis an der Grazer Landes-Universitätsklinik, wo sich solche Fälle häufen.

Die Ursache dafür ortet Dunitz bei Eltern, Tanten und LehrerInnen, die durchaus in bester Absicht gesundes Leben propagieren, dabei aber übers Ziel hinausschießen. "Wenn Kinder ständig hören, dass verfeinertes Mehl nicht gesund ist und Bananen weichlich machen, führt das bei intelligenten und sensiblen Kindern dazu, dass sie anfangen, Essen ideologisch zu kontrollieren." Die Kinder verlieren die intuitive und natürliche Sicherheit, was gut für sie ist und was nicht. "Bei aller Kritik für Fastfood ist die Gesundheitswelle mindestens so problematisch".

Graz ist die einzige Universitäts-Klinik im deutschsprachigen Raum, die sich auf Essstörungen von Babys und Kleinkindern spezialisiert hat. Aus ganz Europa kommen Eltern mit Säuglingen, die nicht essen wollen und/oder nicht können. Das Team um Dunitz und ihren Ehemann, Universitätsprofessor Peter Scheer hat eine Besonderheit: ÄrztInnen, Schwestern, PflegerInnen, AssistentInnen, SozialarbeiterInnen, TherapeutInnen haben eine fastausnahmslos eine zusätzliche psychotherapeutische Ausbildung.

Es sei nicht so, dass die PatientInnen entweder nicht essen wollen oder nicht essen können. "Für uns ist es immer ein sowohl als auch. Wir betrachten unsere PatientInnen als "Synthese" oder "psychosomatische Konfusion" zwischen nicht können und nicht wollen", erklärt Dunitz den Ansatz des Grazer Teams.

Marguerite Dunitz ist Präsidentin der Gesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Kindheit (GAIMH) http://www.gaimh.de im deutschsprachigen Raum. Diese Weltorganisation, die MedizinerInnen und interdisziplinäre ProfessionistInnen verschiedenster Berufsrichtungen vereint, die sich für die ersten drei Lebensjahre interessiren, wird von 26. bis 28. April im Hotel Modul ihre sechste Jahrestagung abhalten. Das Thema, das von allen Seiten beleuchtet wird: "Die Bedeutung des Vaters in der frühen Kindheit".

von Lydia Ninz
  • Artikelbild
    privatfoto/marguerite bunitz
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