Liebeshimmel und Ehehöllen

30. Mai 2001, 17:03
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Friedrich Weissensteiner untersucht zehn Ehen zwischen Habsburgern und Wittelsbachern

Zwar ließe der elegische Titel ganz andere Assoziationen zu, aber an dieser Tatsache ist nicht zu rütteln: dieses Buch ist knochentrocken und vielleicht ist es auch besser so. Friedrich Weissensteiner hat sich zehn Ehen zwischen Habsburgern und Wittelsbachern ausgesucht (ja, Sisi ist auch dabei), und wäre da nicht sein spröder Geschichtsstundenton, dann könnte man sich lange nicht so an den entsetzlichen erzherzöglichen Königspudelzüchtungen zwecks späterer Heiratsrochaden und politischer Bettfusionen delektieren. Hinter der gerne belächelten aristokratischen Verzopftheit verbirgt sich jedoch berechnender Ernst: das blaublütige Kind als wichtigstes Exportartikel. Weissensteiner hat gut recherchiert, anschaulich beschreibt er die Umgebung der späteren Heiratskandidaten, wie sie durch Erziehung und strenge Disziplin zu gut funktionierenden Regenten herangebildet werden, die Frauen zu gehorsamen Dienerinnen ihrer angeheirateten Könige und Kaiser erzogen werden, oder aber selber von so hoher Weitsicht und Intelligenz waren, dass sie selber die Zügel eines ganzen Reiches in die Hände nehmen konnten. Trotzdem, die degenerativen Erscheinungen sind nicht weg zu leugnen. Wo ein so enger Verwandtschaftsgrad besteht, ist die Epilepsie nicht weit, geistige Umnachtung und Suizid ein trauriges Faktum, dessen Ursprung nicht mehr eruierbar ist - tatsächliche "Überzüchtung" ohne Rücksicht auf Enge des Verwandtschaftsverhältnisses der Elternteile oder vielleicht auch eine Überforderung, eine emotionale Verwahrlosung, wie sie am Beispiel des Kronprinzen Rudolph zum Beispiel veranschaulicht wird.

Interessant die genaue Verfolgung der Erziehung der hohen Kinder: aus der Unmöglichkeit eine gründliche Ausbildung zu erhalten, konnte man sich bloß herausretten, indem man in eine Adelsfamilie geboren wurde: hier war das Geschlecht nicht Hindernis, um Wissenschaften oder Sprachen zu erlernen. Es wurde von einer Thronanwärterin höchstes Bildungsniveau verlangt, wodurch sich trotz aller königlich/kaiserlicher Kapricen und hochadeliger Dekadenzen eine Tatsache wie in roter Faden durch die Geschichte der Wittelsbach/Habsburg-Verbindungen zieht: die Frauen schufen sich jenseits der Diktate eines streng befolgten Katholizismus oder eines starren Hofzeremoniells eigene Freiräume, die bis hin zur absoluten Einflussnahme auf ganze Königreiche gingen. Ein mit Akribie, Liebe zum Detail, und etlichen Bildtafeln versehenes Buch - äußerst informativ und mit einer neugierig machenden Bibliographie. (Maria Angela Pieta)
Friedrich Weissensteiner
Liebeshimmel und Ehehöllen
Verlag Friedrich Pustet/ Styria
291 S./ EUR 20,34
ISBN 3791716484

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