Freudenrufe, wenn das Licht angeht

7. März 2001, 22:53

Georgien gelingt es nicht, sich aus Armut und regionalen Konflikten zu befreien

Tiflis - Im ganzen Haus, einem heruntergekommenen sowjetischen Plattenbau, ertönen laute Hurraschreie: Das Licht ist angegangen. Da keiner weiß, wie lange die Stromeinschaltung diesmal dauert, wird angeworfen, was an elektrischen Geräten da ist. Das Licht flackert, bald darauf ist es wieder weg, resigniert zündet die Dame des Hauses, die täglich mehrmals die sieben Stockwerke zu Fuß macht, weil der Lift sowieso nie fährt, die Kerzen wieder an. Besser geht es jenen, die einen Generator haben - und genug Geld, um Diesel dafür zu kaufen.

In Tiflis muss man etwas genauer schauen, um die Armut zu entdecken, das Gesamtbild profitiert von den besseren Zeiten, die die georgische Hauptstadt gesehen hat, von der hübschen Holzverandenarchitektur und der hügeligen Lage am Fluss. Georgien, die Heimat Stalins, war nie ein armes Land - und Energie wurde in der Sowjetunion geliefert, so viel man brauchte. Jetzt sitzen auch wir, die privilegierten, mit der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) reisenden Journalisten in Wintermänteln in dem ehemals sowjetischen Gästehaus, in das wir um harte Dollars einquartiert wurden.

Präsident Eduard Schewardnadse (73), der vorletzte Außenminister der UdSSR, sieht nicht aus wie einer, der frieren muss. In Tiflis munkelt man gerade wieder darüber, wie viel Geld er und seine Gattin jüngst in London ausgegeben haben. Im Regierungspalast weisen plötzlich aus dem Lift springende, kalaschnikowtragende Hünen darauf hin, dass er in der Nähe ist - er hat schon etliche Mordversuche überlebt. Die kritischen Anmerkungen, die der derzeitige OSZE-Vorsitzende, der rumänische Außenminister Mircea Dan Geoana, zur sich zuletzt verschlechternden Menschenrechtslage in Georgien macht, werden von ihm und seinem Außenminister hingenommen - hierzulande will man es sich mit der OSZE nicht verderben.

Seit 1992 ist die Organisation in Südossetien engagiert: Auf die 1991 verkündete Loslösung von Georgien - die die Vereinigungswünsche mit dem russischen Nordossetien noch schlimmer machten - folgten monatelange Kämpfe. Heute ist die Lage einigermaßen stabil, verglichen mit dem Konflikt um Abchasien erscheint Südossetien als das weniger akute Problem. Zwar erkennt man in Tiflis und Tskhinvali einander de iure nicht an, aber das hält niemanden davon ab, ganz pragmatisch mit dem anderen das Nötige abzuhandeln.

In Abchasien ist die OSZE nur Juniorpartner der UNO, die sich um Vermittlung bemüht. Die Geschichte ist die gleiche: Auf die Unabhängigkeitserklärung folgte der Krieg, den die "Rebellen" für sich entschieden. Soeben hat der Europarat die "De-facto-Autoritäten" in Abchasien aufgefordert, von den für 10. März geplanten Wahlen Abstand zu nehmen.

Der endgültige Status beider Gebiete bleibt Jahre danach weiter ungeklärt. Es ist fast pathetisch nachzulesen, wie Jahr für Jahr ein anderer OSZE-Vorsitzender nach Georgien fährt und seinen Optimismus bezüglich einer Lösung besonders für Südossetien ausdrückt, wo die Russen zum Einlenken neigen - und dann bleibt doch wieder alles beim Alten. Ein von aus Abchasien geflüchteten Georgiern bewohntes ehemaliges Hotel steht in der Mitte von Tiflis wie ein Wahrzeichen für alle Kaukasuskriege.

Grenzbeobachtung

Neueren Datums ist das OSZE-Engagement an der Grenze zu Tschetschenien, wo seit vorigem Jahr unbewaffnete Beobachter patrouillieren, um zu verhindern, dass sich der Krieg auf georgisches Territorium ausweitet. Zu den Tschetschenen haben die Georgier ein eher gespanntes Verhältnis, ihnen wird vorgeworfen, besonders beim Aufstand in Abchasien aktiv mitgemischt zu haben. Trotzdem hat das bitterarme Georgien auch noch tschetschenische Flüchtlinge aufgenommen. (DER STANDARD, PRintausgabe, 8.3.2001)

Gudrun Harrer
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    standard / cremer
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