Falscher Mann, richtiger Ort

13. August 2001, 23:09
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Streitfall "6/VI": Weiß der Frauenminister wirklich, was Männer brauchen?

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer "Männerabteilung" (6/VI) kann nur theoretisch diskutiert werden: Dies deshalb, weil nicht zu erwarten ist, dass ein Minister von Haiders Gnaden wirklich etwas Emanzipatorisches, zur Geschlechteregalität Beitragendes damit erreichen kann. Nachdem ich mich also absolut frei vom Verdacht fühle, auch nur irgendetwas an dieser Regierung verteidigen zu wollen, wage ich die Behauptung, dass die Einrichtung von Pendants zu diversen Frauenförderungsstellen durchaus ein Gebot der Stunde wäre - freilich unter der Bedingung, dass Frauenanliegen dadurch nicht (noch mehr) den Rotstift zu spüren bekommen.

Jeder, der sich mit Männerforschung - in meinem Fall: der Frage nach den Vätern - befasst, weiß um die Vielzahl der Probleme männlicher Sozialisation, die den Bemühungen um Gleichstellung von Frauen auf allen Ebenen höchst abträglich sind. Das beginnt bei sozialpsychologischen und -pädagogischen Fragen, die das Hineinwachsen von Buben in fragwürdige Rollenklischees betreffen. Das setzt sich fort in der Tatsache, dass Männer aufgrund des reichhaltigeren Flucht- und Kompensationsangebotes sich nur zu gerne vor psychischen und Beziehungsproblemen drücken. Und das betrifft schließlich die Familiensituation: Männer tun sich bekanntlich auch als Väter bzw. als Erzieher sehr schwer und verabschieden sich gerne und früh von diesen Aufgaben, weil sie meist selbst wenig Erinnernswertes an Väterlichem bzw. Männlichem in ihrer Kindheit genossen hatten.

Auch dass schon Buben aufgrund der teilweise unreflektiert höheren Ansprüche an männliche Kinder mehr Leistungsprobleme haben, stärker zu psychischen Problemen neigen und deutlich mehr krank werden als Mädchen, ist ein Geschlechterproblem, mit dem die Frauenbewegung nicht zufrieden sein kann, weil es wiederum indirekt massiv die Frauen (Mütter) trifft.

Vieles, was Buben und Mädchen heute an "Vaterlosigkeit" erleben müssen, ließe sich durch geschickte steuer-und arbeitsmarktpolitische Modelle, die es zu erarbeiten gälte, zumindest in eine andere Richtung lenken. Es bedarf deshalb des Kampfes gegen eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die Männern so viele Möglichkeiten bietet, sich auf Erfolgs- und Einkommensbeschaffungsmaschinen zu reduzieren, worunter so viele Familien und familienähnliche Beziehungen - oft inmitten großer materieller Sicherheit - leiden.

Deutsche Männerforscher wie Walter Hollstein, Uwe Sielert u. a. haben deshalb den Zustand der "Männlichkeit" als "soziales Problem" tituliert, dessen Bearbeitung und Veränderung auch im Interesse der Frauen und der nächsten Generationen liegt.

Es braucht also gar nicht das etwas wehleidige Jammern mancher Männerorganisationen und Sexualforscher/innen, dass die Frauenbewegung viele Männer verunsichert und defensiv gemacht hätte, um politische Initiativen für Männer zu legitimieren. Männlichkeit im patriarchalen, postmodernen Kapitalismus erweist sich als ein weites (Problem-)Feld, an dem sozialpolitische, kulturstiftende Arbeit ansetzen kann und muss. Vieles davon muss in unmittelbarem Zusammenhang mit Frauenanliegen gesehen werden und kann nach Stand des Selbstbewusstsein der heutigen Frauenbewegung meines Erachtens auch schon gemeinsam angegangen werden.

Bliebe also nur zu hoffen, dass die "Männerabteilung" ihren Ressortchef und seine Regierung überlebt.

Dr. Josef Christian Aigner, Psychologe und Psychoanalytiker, ist Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 08.03. 2001)

07.03.2001
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