Höchst raffinierte Sexfallen

7. März 2001, 19:32

Orchideen verkleiden sich zum Bestäubtwerden als Bienenweibchen

Wien - "Wir haben jetzt zeigen können, dass manche Orchideen ihre Bestäuber nicht nur generell mit Sexualtäuschung anlocken, was wir früher schon gefunden haben", berichtet Zoologe Manfred Ayasse (Uni Wien) dem STANDARD: "Sondern sie arbeiten dabei auch sehr fein und lenken die Bestäuber auf unbestäubte Blüten. Sie zeigen ihnen sogar, welche Blüten schon bestäubt sind."

Vier Arten dieser Orchideen - Ragwurz (Ophrys) - gedeihen auch in Österreich, jede ist auf einen Bestäuber spezialisiert, die Spinnwurz etwa auf Wildbienen. Aber die sind höchst selten, die Orchidee muss irgendwie ihre Reproduktionschance erhöhen.

Und wie sie sie erhöht: Dass Bienenmännchen auf die Blüten losgehen "wie die Teufel", wurde schon zu Darwins Zeiten beobachtet, aber selbst der Meister konnte sich darauf "keinen Reim machen". Erst 1916 entdeckte der Franzose Poyanne, was nach ihm "Poyannesche Mimikry" genannt wurde und heute "Pseudokopulation" heißt.

Dabei ahmen die Ragwurz-Blüten mit allen erdenklichen Reizen Bienenweibchen nach: Sie imitieren ihre Gestalt und Farbe, und vor allem duften sie wie sie. Die angelockten Männchen bemerken den Schwindel zu spät, sie haben schon Pollen auf der Stirn kleben, den sie beim nächsten Trugbild wieder absetzen.

Aber dorthin müssen die Genarrten erst einmal kommen: Den Duft haben sie sich gemerkt, auf dieses Parfum fallen sie nicht mehr herein. Das bringt den Orchideen Probleme, weil sie Blütenstände mit vielen Blüten haben. Zur Lösung statten sie jede einzelne Blüte ihres Standes mit einem leicht veränderten Duft aus: Dazu legen sie über die Grundmischung aus schwer flüchtigen Kohlenwasserstoffen unterschiedliche leicht flüchtige Signale.

Und jene Blüten, die schon bestäubt wurden, treiben die Bienenmimikry ins Extrem: Wenn Bienenweibchen begattet sind, scheiden sie am Hinterleib eine Substanz aus, die ihre Brut vor Bakterien schützt und zugleich den Männchen signalisiert, sie mögen sich andere Weibchen suchen. "Dieses Bouquet ahmen die bestäubten Blüten nach", hat Ayasse gemeinsam mit Manfred Schiestl herausgemessen, "und erreichen damit, dass Bestäuber auf unbestäubte Blüten eines Blütenstandes gehen."(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2001)

Von Jürgen Langenbach

Details:

Oecologia, Vol. 126, S. 531

Evolution, Vol. 54, S. 1995.
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