Die Desorientierung verstehen

4. März 2001, 14:24

Vilém Flussers luzide Analysen der Medienwirklichkeit

Naturalmente, meint Flusser: Wir, die wir uns in einer restlos kodifizierten Welt bewegen, haben den Kontakt zur Natur längst verloren und sind voll durchbestimmt von unserer zweiten Natur, der Kultur. Sämtliche technisch realisierten Projekte, nicht einfach nur die "Medien", determinieren eine Weltanschauung, die Natur als einen "existenziellen Impakt" kategorisch ausschließt. Dass die Menschen Flugmaschinen gebaut haben, lässt sie beispielsweise den Vogelflug nicht mehr so sehen, wie ihn ihre Vorfahren gesehen hatten - beseelt von einer Poesie, die sich mit dem unmöglichen Traum vom menschlichen Fliegen verband. Wer sich heute in Umgehung der technischen Modelle an solcher Poesie versucht, endet notwendig im Kitsch, und das Wort Natur stiftet nurmehr Verwirrung.

Soweit die Kernaussage der vorliegenden Skizzen Vilém Flussers im Band Vogelflüge, der sich mit so unterschiedlichen Dingen wie Wegen und Tälern, dem Regen draußen vor dem Fenster, einer Wiese oder der Zeder in einem Park von Anjou befasst. Diese philosophischen Versuche sind aus dem Nachlass herausgegeben und ergänzen die Wahrnehmungsstudien, die zuvor unter dem Titel Dinge und Undinge erschienen sind. In beiden Texten kann man erleben, wie der Denker den sicheren Boden einer wissenschaftlichen Reflexion verlässt, um seine Leser an der eleganten Art und Weise teilhaben zu lassen, mit der er sich einer Erfahrung der Dinge stellt.

"Beim Ansehen der Dinge kann ich zwischen Kultur und Natur nicht unterscheiden, nur wenn ich lerne, was die Dinge sind, kann ich es." Wie aber lernt man, was die Dinge sind? Flusser verpflichtet sein Denken der phänomenologischen Methode. Sie besteht darin, den eingewöhnten weltlichen Kontext auszuklammern und dadurch die Dinge in einem ungewohnten, überraschenden Licht zu sehen. Wir nähern uns der Wirklichkeit nach bestimmten Modellen, der philosophische Blick aber soll naiv werden, das heißt sich von Vorurteilen und halbverdautem Wissen befreien. Die von Edmund Husserl stammende Phänomenologie hat im vergangenen Jahrhundert eine versteckte Karriere erlebt; Flusser ist dafür bekannt geworden, sie auf die telematische Gesellschaft anzuwenden, um den Umbruch zu ergründen, den die neuen Medientechnologien bewirkt haben.

Dadurch wurden alle seine Studien, auch die vorliegenden Skizzen, zu Versuchen, sich in einer überholten Wirklichkeit zu orientieren. Überholt ist diese Wirklichkeit, weil wir zwar noch so tun, als gäbe es eine apparatefreie Authentizität - Natur pur, sozusagen - während das Mediatisierte doch nicht mehr zu durchbrechen ist. Aufmerksamen Leser wird nicht entgehen, dass in diesen doch vor längerer Zeit verfassten Texten Flusser sich in der Bewertung des Übergangs noch etwas unsicher ist und zu einer kulturpessimistischen Einschätzung tendiert. Er bewegt sich an der Bruchlinie zwischen Wirklichkeit und Konstruktion, erkundet die Zwischenwelt von Politik (Engagement) und Ästhetik (Rezeption), und endet im Zweifel an der Möglichkeit, das Gegebene (Natur) vom Kodifizierten (Kultur) überhaupt noch unterscheiden zu können: "Ich befinde mich weder in der Natur noch in der Kultur, sondern vergehe mich ständig an beiden."

Natur ist - aller romantisierenden Idiotie zum Trotz - nicht an sich gut, weil sie den Menschen bekanntlich einschränkt und auf Kultur angewiesen ist, um für ihn gut zu werden. Kultur ist noch nicht gut, weil sie auf ein Drittes abzielt, auf die Technik, deren Versprechungen noch offene sind. Von der Einsicht, dass Natur kein solider Boden unserer konkreten Wirklichkeit mehr darstellt, stoßen die Gedanken vor in Richtung einer Analyse der Medienwirklichkeit, die Flusser andernorts das "Lob der Oberfläche" nennen wird. Ihr Ziel ist durchaus ein Verstehen in der Desorientierung, nachdem in einer telematischen Welt Erfahrung sich nicht länger in Subjekt-Objekt-Verhältnissen fassen lässt. Im Gegensatz zu traditionellen Philosophen nahm Flusser die Herausforderung einer künftig immateriellen Kultur, wie sie sich bereits abzeichnet, an.

Er sah sich als Aufklärer, der Klarheit im Einzelnen sucht und nicht die Allgemeingültigkeit einer Metaphysik. Daher beschäftigt er sich mit der Oberfläche, nicht mit der Tiefe, und pflegt eine misstrauische Einstellung auch gegen allem Verdacht, dass unter dieser Oberfläche sich überhaupt etwas verberge. Ganz im Gegenteil scheint solcher Verdacht, wie die Geschichte des vermeintlich tiefschürfenden Denkens im abendländischen Philosophieren ja zeigt, von der Beschäftigung mit der Oberfläche geradezu abzuhalten. Weder Nostalgie noch der von manchen Kritikern unterstellte Messianismus prägt Flussers Blick, der sich eher einer Art Vivisektion des Werdenden verdankt. Davon kann man sich gerade anhand dieser kleinen Skizzen überzeugen - nachdem anscheinend kein Verlag sich dazu durchringen kann, die von Stefan Bollmann begonnene Gesamtausgabe der Schriften Flussers fortzuführen. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 3. /4. 3. 2001)

Von Frank Hartmann

Literatur:

Vilém Flusser, Vogelflüge. Essays zu Natur und Kultur. öS 218,-/EURO15,85/ 130 Seiten. Hanser, München 2000.

Vilém Flusser, Dinge und Undinge. Phänomenologische Skizzen. öS 248,-/EURO18,00/ 149 Seiten. Hanser, München 1993.

Flusser Online

Interview mit Vilem Flusser
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