Streit um neues Alaska-Erdöl

3. März 2001, 20:00

Regierung will "letzte große Wildnis der USA" freigeben

Washington - In den USA beginnt eine neue Runde um die Umweltpolitik, an einem hoch symbolischen Anlassfall, den Ölreserven in Alaska, im "Arctic National Wildlife Refuge", das 1960 von der Administration Eisenhower als "letzte große Wildnis der USA" unter teilweisen Schutz gestellt wurde: Das ökologisch hoch sensible Gebiet bietet allen erdenklichen Tierarten Zuflucht, Eisbären, Moschusochsen und vor allem der "Porcupine-Karibu-Herde", die mit 130.000 Mitgliedern durch das Land zieht, zweimal im Jahr, je 1500 Kilometer.

Im Frühjahr geht der Weg - durch den Porcupine River - in einen Küstenstreifen im Norden, "1002 Area", Teil des "Wildlife Refuge". Dort ist es noch so ruhig, wie die Karibus das seit Jahrhunderten gewohnt sind, aber 150 Kilometer weiter westlich liegt einer der größten Industriekomplexe der USA, Prudhoe Bay.

Übel riechendes Schlammloch

Die Geschichte beginnt 1896, als ein Jäger in ein übel riechendes Schlammloch fiel und verschmutzte Kleider verbrannte. Sie schlugen solche Flammen, dass der Neugieriggewordene Streichhölzer in das Schlammloch warf. Es brannte eine Woche, das Erdöl in Alaska war entdeckt und wurde ausgebeutet, bis 1933 die Raffinerie in Flammen aufging.

Nach dem Krieg - Alaska war als Militärgebiet gesperrt - kamen die Prospektoren wieder und wurden fündig, am üppigsten in Prudhoe Bay, wo seit 1968 Öl gefördert und über eine 1300 Kilometer lange Pipeline nach Süden gepumpt wird, zum Ölhafen Valdez, vor dem 1989 der katastrophale Unfall der "Exxon Valdez" die besonderen Probleme der Ölförderung in arktischen Gebieten zeigte.

Deshalb bremste das US-Parlament 1990 noch einmal die Begehrlichkeiten der Ölindustrie, vor allem: BP-Amoco. Die hat nun mit Präsident George Bush sowie Alaskas Senator Frank Muslowski starke Unterstützer: "1002 Area" soll freigegeben werden. Argumentiert wird mit der Abhängigkeit vom Nahost-Öl und mit der Elektrizitätskrise in Kalifornien.

Allerdings erzeugt Kalifornien gerade ein Prozent seines Stroms mit Erdöl, und die neuen Reserven sind nicht allzu üppig. "Es gibt eine 50-Prozent-Chance, so viel Erdöl zu gewinnen", schätzt der US-Geologendienst, "wie die USA in einem halben Jahr verbrauchen."

Dafür steht viel auf dem Spiel. Nicht nur eine breite Front von Umweltverbänden, auch die US-Behörde "Fish and Wildlife Service" (FWS) sorgt sich um "das wichtigste Landlager der Polarbären der Beaufort-See" und um die Karibus, deren "Population schon durch fünf Prozent Kälber weniger im Jahr bedroht" wäre.

Globale Erwärmung trifft Herde

Die Herde ist ohnehin seit 1988 um fast ein Drittel geschrumpft, weil die globale Erwärmung Alaska mehr Schnee bringt. Die Tiere kommen langsamer voran und gebären die Kälber schon während der Wanderung. Viele gehen im Porcupine River verloren, der Rest kommt hoch gestresst am Ziel an.

Während Umweltverbände und FWS vor jedem weiteren Stress warnen, verweist BP auf die Erfahrungen in Prudhoe Bay, wo eine andere Karibu-Herde sich von den industriellen Aktivitäten nicht beeindrucken lässt und Augenzeugen schon Eisbären und gar Karibus auf den Pipelines haben spazieren sehen. Aber dort ist das Küstenland 200 Kilometer breit, in "1002 Area" verengt es sich auf 30 Kilometer.

Trotzdem sind BP-Biologen überzeugt, dass der Natur kein Schaden droht: Es gibt schonende Bohrmethoden, man kann von einem einzigen Loch kreuz und quer durch den Boden fahren und mehrere Lager erschließen.

Das sehen auch - mit Ausnahme eines kleinen Stammes in "1002 Area", der Karibus jagt - die meisten Bewohner Alaskas so. Das einst bitterarme Land ist mit dem Öl reich geworden: Einkommensteuern gibt es nicht, stattdessen erhält jeder Landesbewohner aus den Öleinnahmen 2000 Dollar im Jahr. Kritiker verweisen trotzdem auf die geringen zu erwartenden Ölmengen und sehen im Alaska-Projekt den ersten Schritt einer neuen Energiepolitik George Bushs, die auf die Abschaffung des "Clean Air Acts" ziele. Den hat 1990 ein anderer George Bush in Kraft gesetzt. (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. /4. 3. 2001)

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