Medienmogul Leo Kirch: Ärger mit Fußball und Formel 1

2. März 2001, 12:59
Bei einem Empfang seiner Filmfirma in Cannes soll Leo Kirch einmal gesagt haben, wenn alle seine Feinde da wären, könnte sie auch der größte Saal nicht fassen. Derzeit scheint es der 74-jährige deutsche Medienmogul, dessen Vermögen auf 75 Milliarden Schilling geschätzt wird, darauf angelegt zu haben, sich neue Feinde zu schaffen. Seit sein Konzern für umgerechnet 15 Milliarden Schilling die Kontrolle über die Formel 1 übernommen hat, fürchten Autohersteller, Kirch könnte den Rennzirkus umbringen, wenn er die Bewerbe nur noch im Pay-TV zeige.

Seine Strategie, massenwirksame Sportereignisse im "Bezahlfernsehen" auszustrahlen, erregt in Deutschland und England auch die Öffentlichkeit, weil Kirch mit Partnern die TV-Rechte für die Fußballweltmeisterschaften 2002 und 2006 erworben hat. Zusicherungen, die wichtigsten Spiele würden ohnehin im - privaten - "Free TV" für alle zugänglich sein, fruchten da wenig. Schon überlegen Politiker gesetzliche Schritte.

Der öffentlichkeitsscheue Tycoon, laut Neuer Zürcher "der erklärte Lieblingsfeind der aufgeklärten Intelligenz", der seinen Konzern vom Münchner Vorort Ismaning aus dirigiert, gilt in der konservativen Politik-Szene als Aufsteiger par excellence. 1926 als Sohn eines Weinbauern in Würzburg geboren, studierte er nach dem Krieg Betriebswirtschaft und Mathematik. Damals kam ihm die Königsidee, Filmrechte (u. a. Fellinis "La Strada") fürs Kino und für das beginnende Fernsehen zu erwerben, dessen immens wachsenden Programmbedarf er voraussah. Zielstrebig kaufte er die Vermarktungsrechte führender Studios auf. Heute verfügt er über 65.000 Programmstunden an Filmen und (mit)finanzierten TV-Produktionen von "Les Misérables" bis zum "Bergdoktor", die er in 130 Ländern vermarktet. Vom ORF, der schon früh mit dabei war, erwarb er jüngst die Rechte für "Taxi Orange".

Unterstützt von Sohn Thomas weitete Kirch, der krankheitsbedingt sehr schlecht sieht, sein Reich aus. Zur Kirch-Gruppe gehören die ProSiebenSat.1-Media AG, die sich als "größtes Fernsehunternehmen in Deutschland" bezeichnet, sowie hohe Anteile an der Axel-Springer-AG und am Pay-TV-Sender "Premiere World". Kirchs Selbsteinschätzung als "konservativer Katholik" verhinderte nicht, dass Premiere mit der "knisternden Erotik" des "Beate-Uhse-Kanals" lockt.

Mehrmals schrammte er knapp am Ruin vorbei. Zuletzt, als die EU und das deutsche Kartellamt den gemeinsamen Einstieg von Kirch und Bertelsmann-Konzern ins Digital-TV untersagten. Inzwischen traut man ihm alles zu. Als bekannt wurde, dass Kirch bei T-Online, der defizitären Internet-Tochter der deutschen Telekom einsteigen wolle, zogen deren Aktien trotz aller Dementis sofort an. (Erhard Stackl)

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 2.3. 2001)

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    kari: veenenbos
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