Queen of the Net

2. März 2001, 11:34

Martha Lane Fox, COO von Lastminute.com

Wenn die 28-jährige Martha Lane Fox, COO von Lastminute.com mit Business-Endvierzigern vom Kaliber eines Thomas Middelhoff (Bertelsmann), Jean-Marie Messier (Vivendi) oder Jorma Ollila (Nokia) auf einem Podium sitzt, ist der erste Eindruck: Bambi unter IT-Bestien. Der männliche Beschützerinstinkt ist sofort hellwach.

Queen of the Net

Die Illusion von der zerbrechlichen English Rose platzt freilich, sobald sich "Fast Lane Foxy" in die Diskussion wirft: dann lässt die Oxford MBA-Absolventin nicht den geringsten Zweifel aufkommen, dass die Überholspur ihr Milieu ist und der Adrenalinstoß das Doping zum Erfolg. Und weil jede neue Sekte anbetungswürdige Idole braucht, Net-Jünger machen da keine Ausnahme, ist Martha die Queen of the Net.

Mit im Zeitraffer eingesackten 450 Mio. S und einem Platz auf Britanniens Super-Reichen-Liste - wohl das mindeste, was man erwarten kann. Die Geschäftsidee von Lastminute basiert auf einem simplen Überschlag: Laut Analystenberechnungen bleiben jedes Jahr Hotelzimmer im Wert von 42 Mrd. S (drei Mrd. Euro) und Flüge für 210 Mrd. S (15 Mrd. Euro) unverkauft. Ein gigantischer Markt für den, dem es gelingt, auch nur einen Teil dieser Ware loszuschlagen.

Digitale Schnäppchenjäger

Martha-Darling und ihr kongenialer Partner Brent Hoberman wollten Royals sein im Global Village der digitalen Schnäppchenjäger. Von den ersten Bettelanrufen um die Restplatzkontingente diverser Fluggesellschaften bis zu den 2500 Kooperationspartnern - darunter Blue Chips wie Lufthansa, British Airways, Sony, Starwood Hotels and Ressorts, American Express - drei Millionen registrierten Nutzern weltweit und 280 Mitarbeitern an fünf europäischen Standorten hat Lastminute.com einen Parforceritt durch die Höhen und Tiefen der New Economy hingelegt. Die beiden Macher wurden mal als Reinkarnationen von König Midas gefeiert, mal als Mega-Kapitalvernichter beschimpft.

Aktie überzeichnet

Beim Börsengang Anfang März letzten Jahres war die Aktie 67 mal überzeichnet, was Konsortialführer Morgan Stanley Dean Witter veranlasste, den Ausgabekurs kurzerhand um 69 Prozent - auf 380 Pence - nach oben zu schrauben.

Was folgte, war eine kurze Hausse und ein stetiger Sinkflug - in die Niederungen der zweistelligen Pence-Beträge. Doch Dank der 2.5 Mrd. S (185 Mio. Euro), die der IPO in die Lastminute-Kassen spülte, ist in absehbarer Zeit wohl nicht mit dem Plötzlichen-dot.com-Tod zu rechnen.

_Standard: Prognosen sehen nur jedes fünfte dot.com Unternehmen im grünen Bereich. Wird Lastminute.com dazugehören?

Fox: Natürlich muss es zur Marktbereinigung kommen. Die Zeit des blanken Wahnsinns ist vorbei, als alles, was auf dot-com endete, mit Geld zugeschüttet wurde. Da gingen Unternehmen an die Börse, deren Businessplan sich wie das Skript für einen Teletubbie-Plot liest. Und natürlich wird Lastminute zu den Überlebenden zählen. Wir sind mehr als irgend so eine x-beliebige Preisagentur.

Es geht natürlich nicht darum, billig zu kaufen. Es geht um Qualität zum bestmöglichen Preis. Umfragen unter Neteratis haben gezeigt, dass 75 Prozent von ihnen potentielle Lastminute-Bucher sind. Urlaub sechs Monate im Voraus zu planen ist ein Relikt des 20. Jahrhunderts."

Standard: Werden Fluggesellschaften und Hotelketten Ihnen nicht das Wasser abgra 4. Spalte ben, weil sie gesehen haben, dass man aus Ladenhütern lastminute noch Profit schlagen kann?

Lane Fox: Die Lastminute-Geschäftsidee funktioniert nicht mit einseitigem Angebot. Niemand besucht eine Web-Seite mit nur Lastminute-Flügen oder nur Lastminute-Hotelangeboten - oder er tut es maximal drei- bis viermal im Jahr. Zu Lastminute.com kommen die Web-Surfer ständig. Wir versuchen, unsere Kunden an unsere Seite zu binden, indem wir einen Lastminute-Lifestyle kreieren. Aber um das zu erreichen, muss das Angebot vielseitig sein. Tatsache ist, dass unser Warenkorb mit Flug-, Hotel-, Theater-, Event- und Restaurantangeboten konkurrenzlos ist.

Standard: E-business war gestern - M-business heißt die Zukunft. Lastminute ist strategische Allianzen mit Orange, BT-Celnet, France Telecom und Deutscher Telecom eingegangen. Wann wird WAP zur Geldquelle?

Lane Fox: Mit einigen Ausnahmen noch lange nicht. Wir befinden uns in der ersten Welle. Zur Zeit ist es ein fun-factor für einige wenige, aber sicherlich noch lange nicht die Main Application Plattform für Internet Commerce. Im Augenblick stecken wir kaum Ressourcen in WAP Technologie.

Standard: Neteratis stehen im Verdacht, gute Ideen zu haben aber unterentwickelte Managementqualitäten. Darum würden dot.com-Gewinne in weite Ferne rücken. Treffen mangelnde management-skills auch auf Lastminute zu?

Lane Fox: Brent und ich haben früh erkannt, dass wir zwar über Erfahrungen verfügen, aber zur Exekution unserer Ideen noch nicht über genügend. Denn wer in der brutalen Internet-Welt überleben will, muss frühzeitig globale Strategien entwickeln - oder untergehen.

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