Einfälle am Strand

21. Mai 2001, 10:18
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Trend-Consulterin Li Edelkoort im Gespräch: über Intuition und Logik, Lifestyle und Geländewagen sowie unsere permanente Sehnsucht nach mehr Freizeit

Die 1950 in den Niederlanden geborene Li Edelkoort führt seit über 15 Jahren das renommierte Pariser Stilbüro "Trend Union" und arbeitet mit ihrem "Studio Edelkoort" äußerst erfolgreich als Consulterin in Sachen Trend. Ihre Kunden kommen zum einen aus unterschiedlichen Industriesparten wie Textil, Auto, Elektronik oder Kosmetik, sie berät aber auch Banken und Regierungen und publiziert Bücher über Farben- und Stofftrends sowie Trend-Magazine. Bei der Düsseldorfer Modehandelsmesse CPD hielt Li Edelkoort im vergangenen Monat ein Textil- und Lifestyle-Seminar.

DER STANDARD: Wie haben Sie Ihre Fähigkeit, Trends vorherzusagen, entwickelt?

Li Edelkoort: Ich habe sehr früh erkannt, dass ich dieses Talent habe. Als ich an der Kunstschule in Arnheim studierte, habe ich bemerkt, dass ich nicht wirklich gut im Kreieren oder Illustrieren war. Aber ich wusste immer, wie die kommende Mode aussehen würde und habe für meine Mitstudenten den Artdirector gespielt. Eines Tages kam eine Frau an unsere Schule, die uns erklärte, dass es für das, was ich kann, einen eigenen Job gibt. Da habe ich mich zu diesem Beruf entschlossen.

DER STANDARD: Aber wo kommt diese Fähigkeit her?

Vielleicht haben die Sterne oder so was damit zu tun (lacht). Ich habe eine sehr gut entwickelte Intuition. Die haben zwar viele Leute, aber ich bin zudem noch sehr logisch und analytisch, habe also auch eine gut entwickelte pragmatische Seite.

DER STANDARD: Ist es für Ihre Arbeit wichtig, sehr viele Eindrücke zu sammeln, oder haben Sie das ohnehin alles in sich?

Ich denke, es ist beides. Natürlich reise ich sehr viel, treffe viele Leute, bekomme Feedback durch meine Arbeit mit der Industrie, befasse mich mit Kunst und Kultur. Aber es kann mir auch etwas einfallen, wenn ich am Strand sitze. Eigentlich ist es, wo man gerade ist und was man gerade tut. Ich habe nie ausprobiert, ob mir noch etwas einfallen würde, wenn ich ein Jahr Auszeit nehme - aber ich glaube schon.

DER STANDARD: Benützen Sie Medien als Informationsquellen?

Nicht regelmäßig. Im Flugzeug lese ich schon Magazine und Zeitungen oder schaue mir die Filme an. Derzeit mag ich Wissenschaftsmagazine sehr gern, die haben fantastische Geschichten von neuen Entwicklungen, das ist inspirierend. Das Sammeln von Informationen ist so etwas wie eine zweite Natur für mich geworden.

DER STANDARD: Wir leben in einer Zeit der Diversifikation von Trends. Erschwert das nicht die Vorausschau?

Da muss man Unterscheidungen machen. Es gibt ja auch langfristige Bewegungen im Lifestyle, bei denen die Veränderungen nicht so schnell passieren. Auf diesen Bewegungen können wir von Jahr zu Jahr aufbauen. Manchmal kommt einer dazu, manchmal fällt einer weg, aber das ist etwas Evolutionäres, nichts Dramatisches. Diese langfristigen Bewegungen sind sehr stark, die bringen Ideen hervor. Und die Design- und Modetrends geben diesen Ideen dann Form. Diese ändern sich öfter, weil es eben das saisonale Geschäft gibt.

Ein Beispiel: Der Freizeit-Trend begann bereits in den 50er-Jahren, und diese Bewegung wird auch heute noch immer stärker und stärker. Er ist zu einer eigenen Industrie geworden und produziert wiederum eigene Trends. Es gibt sicher mehr Diversifikation der Trends in den Details, im Grunde lassen sich aber fünf, sechs große Bewegungen herausfiltern.

DER STANDARD: Welches Phänomen unserer Lebenskultur ist heute bestimmend für Trends?

Zeit. Das Bestimmende ist die Art, wie wir unsere Zeit verbringen und wie wir sie verbringen wollen. Die Menschen kämpfen darum, mehr Zeit für sich selbst und trotzdem genügend Geld zu haben. Man will eine vollkommen freie Umgebung, wo man ohne Grenze zwischen Arbeit und Spiel lebt. Arbeit wird zum Spiel und Spiel zur Arbeit, das vermischt sich alles.

DER STANDARD: Gilt das nicht nur für eine Elite, z. B. für Leute, die in der IT-Branche arbeiten?

Nein, das glaube ich nicht. Das wird eine allgemeine Bewegung werden. In den großen Städten Europas sieht man schon, dass z.B. am Freitag weniger Verkehr ist, weil viele versuchen, schon am Freitag frei zu haben. In Frankreich wurde bereits die 35-Stunden-Woche eingeführt, andere Länder werden nachziehen. In den Niederlanden ist es überhaupt unmöglich geworden, jemanden zu finden, der Vollzeit arbeiten will.

DER STANDARD: Und denen macht es nichts aus, wenn sie in Konsequenz weniger verdienen?

Nein, Geld ist derzeit nicht das Thema. Das funktioniert aber nur, weil die Wirtschaft noch so stark ist und wir uns das daher erlauben können. Die Menschen haben ein unglaubliches Bedürfnis, ihr Leben wieder auszubalancieren. Das ist momentan noch eine ausschließlich europäische Bewegung, es beginnt aber auch schon in Asien. Da fahren die Leute am Wochenende an den Strand oder zum Skifahren, das Freizeit-Element wird immer wichtiger. Man kann das auch in der Autoindustrie beobachten. Das normale Auto, mit dem man in die Arbeit fährt, ist mehr oder minder obsolet geworden, das ist nicht mehr interessant. Wir sehen Leute mit Geländewagen und Roadsters, Autos mit Vier-Rad-Getriebe und offenem Verdeck.

DER STANDARD: Sie zeichnen meist sehr schöne und positive Zukunftsbilder. Gibt es denn keine "negativen" Trends, nichts Revolutionäres oder Aggressives?

Ich glaube nicht, dass wir in einer Zeit großer aggressiver Momente leben. Aber natürlich hat jeder Trend seine dunklen Seiten. So beobachten wir etwa, dass Menschen wieder in Gruppen und Stämmen leben wollen, das kann auch gefährlich oder nationalistisch werden. Jeder Trend hat seine sehr positiven Seiten, aber auch negative und furchterregende Elemente. Aber ich glaube nicht, dass es einen negativen Trend gibt. Ich bin ein sehr optimistischer Mensch.
(Margit Wiener )

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