"Pip", "Pippip", "Pipipiiip!"

26. August 2003, 19:08

Plädoyer für das musikfreie Handy

Erde - Ich hatte einen Dream. In einer Vorlesung sitzend, ward ich aufgeschreckt durch die krächzende Handyversion der Alle-Menschen-werden-Brüder-Melodie aus der 9. Symphonie von Beethoven. Plötzlich steht hinter mir ein Kollege auf, es ist Ludwig van, reichlich ungehalten; er stürmt zum Handybesitzer und spricht: "Gestatten, Beethoven, geben Sie mir meine Musik wieder, oder ich zertrete Ihr Handy!!!"

Der Ludwig, ein Traum! Im Wachsein ertragen wir, sind wir nicht selbst Handymelodietäter, die akustischen Attacken zumeist mit mürrischer Gesichtsmaske, die ein Gnackwatschen-Versprechen mitliefert. Musik und Handy, das ist wie Banane mit Ketchup. Mahlzeit! Aber mit der Kritik ist man natürlich längst eine Minderheit. Im unerschöpflichen "Internetz" warten längst unzählige Klingeltöne auf Handybesitzer. Von Brahms bis Beatles, von AC/ DC bis zu Strauß. Ein Alptraum auch im Walzertakt.

Kaum ein Musikstück, das noch nicht auf blechernes Handyformat degradiert wurde. Gemeine Anbieter wie "Ruftoene.de" oder auch "Handy.de" stellen die wehrlosen, gedemütigten Stücke ins Netz; der Herunterlader ist mit ungefähr 40 Schilling dabei. Kurzum: Der Untergang des Abendlandes ist da!

Die Alternative muss nicht ausschließlich im juckenden Handy-Vibrieren gesucht werden. Aber neutrale, unauffällige, musikhistorisch unbekannte, unverfängliche Signale mit wenigen Tönen müssten doch reichen! Sie reduzieren die akustischen Bach-Beethoven-Kinnhaken auf die Intensität eines Mückenstichs. "Pip!" - dann "Pi-pip!!". Und dann von mir aus auch noch "Pip-Pip-Pipp!!!" Dann aber Schluss! Wem das "Pip-Pip-Pipp!!!" nicht genügt, der demonstriert ohnehin einen gewissen Persönlichkeitsmangel. Früher ließen sich solche Typen in Lokalen von Freunden anrufen, damit sie der Kellner zum Telefon holt: "Dr. Pups-Windel, bitte schnell zum Telefon! Der Papst will Sie sprechen!!!"

Ein Missverständnis

Heute greifen diese Zeitgenossen vermutlich zum lautestmöglichen Klingelton und zu Prestige-Klassik. Ein Missverständnis. Auch zornigen jungen Menschen in der Phase des postpubertären Unmuts wird das rockende Handy zum Symbol - die bösen Buben, ihnen sei verziehen. Dennoch bauen wir lieber auf den technischen Fortschritt. Erfunden wird alles mögliche - bald wird man mit dem Handy sicher auch bügeln können.

Warum also nicht endlich auch andere als akustische Signale erfinden, die uns anzeigen, dass wir unentbehrlich sind. Ein Handy, das bei Anruf heiß wird. Eines, das die Größe verändert. Oder das farbflexible Handy: bei Anruf Farbwechsel. Auch das duftende Handy. Und von mir aus auch eines mit kleiner Rauchentwicklung. Oder eines, das beißt, bellt, schreit. All das wäre uns lieber als eine verstümmelte Fuge von Bach. Nur Gnade unseren Musikohren! Noch haben wir welche. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.3.2001)

Von Ljubisa Tosic
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