Was bleibt, ist ein blaues Formular

26. August 2003, 19:07

Ein Erlebnisbericht von der gewandelten WU-Evidenzstelle

Evidenzstelle. Ein Wort, das Generationen von WU-Studenten ins Schwitzen brachte: Eine halbe Stunde anstellen, um dann festzustellen, dass die Prüfungsergebnisse "noch nicht im Computer sind" oder "wichtige Formulare fehlen". Ein Lokalaugenschein an der heutigen Wirtschaftsuni Wien überrascht nicht nur WU-Veteranen: Gleich beim Eingang stehen Computerterminals, an denen Studenten mittels Chipkarte all das selbst erledigen, wofür ihre Vorgänger noch Stempel sammelten.

Hinter den Eisentüren der Evidenzstelle die nächste Überraschung: Wo sich einst die Massen brav in Zweierreihen vor beigen Schaltern Typ "Gruß aus den Siebzigern" anstellten, befindet sich heute ein Servicezentrum mit offenen Pulten. Laufschriften sollen auch beim größten Massenansturm für Orientierung sorgen. Doch die einzigen Studenten, die sich hierher verirrt haben, sind zwei Fleißige, die ihre Sponsionsurkunde abholen.

Dem Tester bleibt die freie Wahl des Schalters, eine freundlich lächelnde Dame signalisiert Bereitschaft, sich mit dem Anliegen - eine Chipcard abholen - zu befassen. "Haben Sie das blaue Formular dabei?" Das blaue Formular? Erinnerungen an die gute alte Zeit werden wach. Doch ganz ohne Anwendung bewährter Studenten-Methoden wie "Ahnungslos-Stellen" zieht die Dame das Formular aus der Schublade. Die Matrikelnummer wird darauf vermerkt, und ab geht's zum nächsten Schalter. Dort wird die Nummer in einen Computer getippt, und schon surrt der Drucker. Und weil wir aus Gewohnheit nicht nach dem Sinn des blauen Formulars fragen, ist alles in zehn Minuten erledigt.

Besorgniserregend

Ein besorgniserregendes Testergebnis: Was wird aus der Kontaktbörse und Kommunikationsplattform "Warteschlange"? Gerüchte, Freundschaften, Beziehungen, vielleicht sogar Ehen hatten hier ihren Ursprung. Wo soll man an einer Massenuni jetzt noch Leute kennen lernen? Und vor allem: Wer bereitet WU-Studenten in Zukunft auf die Bürokratiehochburgen des Landes vor?

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.3.2001)

Von Erwin Kreuzer
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