Zahnweiß der Geschichte

28. Februar 2001, 20:08

Das brillante Romandebüt der 25-jährigen Londoner Autorin Zadie Smith

Dem Reinen ist alles rein. Oder: "Sex oder zumindest die sexuelle Versuchung war schon lang ein Problem. Als die Gottesfurcht allmählich in Samads Knochen kroch, etwa 1976, kurz nach seiner Eheschließung mit der kleinhändigen, zartgelenkigen und desinteressierten Alsana, hatte er sich bei einem älteren Alim in der Moschee in Croyden erkundigt, ob es wohl erlaubt sei, dass ein Mann ... mit der Hand ..."

Im Herzen Londons oder doch eher an dessen finsterer nördlicher Peripherie, in Willesden Green, ficht Samad Iqbal, Bengale (nicht Inder! nicht Pakistani!) und Muslim, einen einsamen Kampf gegen die Versuchungen des Fleisches und des Westens, einer gottlosen Welt. Zwei Söhne und eine Hand (taub und grau infolge einer Kriegsverwundung) kamen ihm abhanden. Magid, den (um zwei Minuten) älteren, verlor er an die Wissenschaft, Millat, den jüngeren, an Drogen, Robert de Niro und die neofundamentalistische Bewegung HEINTZ (Hüter des Ewigen Islamisch-Nationalen Triumphalen Zorns - "Wir sind uns bewusst, dass wir ein Akronym-Problem haben").

Samad Iqbal ist, um es kurz zu machen, ein Bruder im Geist jener ProtagonistInnen, die die wunderbaren Waschsalons eines Hanif Kureishi oder Steven Frears bevölkern, die ihre täglichen Fish and Chips im Pub mit Lager löschen.

Mit einem wesentlichen Unterschied: Samad Iqbal ist, wie auch sein bester und einziger Freund, Archie Jones, sowie gut zehn weitere BewohnerInnen Willesdens, das Geschöpf einer - zum Zeitpunkt seiner geistigen Zeugung - gerade mal einundzwanzigjährigen Studentin: während des Studiums in Cambridge schrieb Zadie Smith, Jahrgang 1975, nebenbei (!) White Teeth, einen in der deutschen Ausgabe (Zähne zeigen) imposante 642 Seiten starken Roman.

Vor gut einem Jahr - im Januar 2000 - erschien das Debüt bei einem Londoner Verlag (das New Yorker Label Random House und eine Taschenbuchausgabe bei Penguin folgten), erntete seitenlange Hymnen in der Londoner Times und der New York Times Book Review. Renommierteste Literaturpreise - der Guardian First Book Award 2000, der Whitbread First Novel Award 2000 - folgten ebenso wie erste medienträchtige Skandale: Eine weitere Auszeichnung etwa, den mit 30.000 Pfund dotierten Orange Prize für Frauenliteratur, lehnte Zadie Smith bereits im Vorfeld ab, da Ffion Hague, Ehefrau des konservativen Oppositionsführers William Hague, der Jury angehörte. "Ffion Hague kann mich mal", präzisierte Smith gegenüber der BBC: "Klar mag Ffion das Buch - das ist genau der Notting-Hill-Carnival-Multikulti-Kram."

Gute Vermarktbarkeit

Zu diesem Zeitpunkt hatte Smith bereits erste Erfahrung mit dem, was AgentInnen unter "außergewöhnlich guter Vermarktbarkeit" verstehen. Zadie Smith war nicht nur außergewöhnlich jung, hatte ein außergewöhnlich souverän, außergewöhnlich witzig geschriebenes Buch verfasst, sie war - und ist - gleichzeitig auch noch weiblich, schön und schwarz (Vater Engländer, Mutter Jamaikanerin) und entstammt der Working Class, ideale Repräsentantin des multiethnischen London, das sie in White Teeth beschwor. Zadie war p. c., Zadie war in. Zadie aber ist Autorin. Zurück also zum Roman:

Drei Familien, mehrere Generationen (samt mythischer Ahnen) stehen im Zentrum der vierteiligen Willesden-Saga. Neben den bengalischen Iqbals besagter Archibald Jones mit jamaikanischer Ehefrau Clara und 1975 - wie Zadie Smith - geborener Tochter Irie und die jüdische Middle-class-Familie Chalfen: Mutter Joyce, Gartenbuchautorin, Vater Marcus, Genforscher, fünf Söhne. Was in der nüchternen Aufzählung verdächtig nach Familien-Soap-Comedy klingt, schuldet seine Existenz tatsächlich Zadie Smiths Vorliebe für das Format und Stand-up-Comedians jeglicher Art und wird in Kürze auch zum gerahmten Bild zurückkehren: BBC plant die Adaption des Stoffs in einer sechsteiligen Serie.

Verblüffend ist die Stilsicherheit, das Gespür für dramaturgisches Timing, mit dem die einundzwanzigjährige Autorin präzise Dialoge entwickelt, unterschiedlichste Slangs trifft, die souveräne Gelassenheit, mit der sie ihre - bevorzugt männlichen - Helden in den unterschiedlichsten Settings und Zeiten lokalisiert: Familie, Pub, Londoner Grundschule werden ebenso plastisch wie fünfzig Jahre Zeitgeschichte, Pubertät, multiethnische Gesamtschule oder der Erntedankbesuch der Kinder bei einem greisen Kriegshelden samt dessen Zahnphilosophie: "Saubere Zähne sind nicht immer ratsam, nicht wahr? Nur ein Beispiel: Als ich im Kongo war, konnte ich den Nigger nur am Weiß seiner Zähne erkennen, wenn ihr versteht, was ich meine. Fürchterliche Geschichte. Da war es so dunkel wie sonst was. Und deshalb sind sie gestorben, versteht ihr? Die armen Schweine. Oder besser gesagt, ich habe überlebt, wenn man so will, versteht ihr?"

White Teeth ist vor allem ein Buch, in welchem unterschiedlichste Weltsichten, Utopien (das Ende der Welt - Zeugen Jehovas, glatte Haare - Irie, Askese - Samad, Genmutation - Marcus Chalfen) und Glauben berührungsfrei koexistieren. Ein witziges Buch. Ein menschenfreundliches Buch. Seit Anfang dieser Woche auch in deutscher Übersetzung. Zadie Smith, Zähne zeigen. Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. öS 328,-/642 Seiten, Droemer, München 2001. DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 1.3.2001

von Cornelia Niedermeier
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