Online-Standler Webvan geht das Geld aus

28. Februar 2001, 17:30

Eine Milliarde Dollar in den Sand gesetzt

Palo Alto - Beim größten Online-Lebensmittellieferanten der USA, Webvan, wird ohne eine weitere Finanzspritze spätestens zur Jahresmitte der Rollbalken geschlossen bleiben. Nachdem bereits der Aktienkurs in den vergangenen Monaten 99 Prozent seines Wertes verloren hatte, nahmen die Verluste für das letzte Quartal weiter zu.

Das Unternehmen, das vom Internetboom getragen 561 Millionen von den prominentesten Wagniskapitalgebern in Silicon Valley einsammelte, hat gerade noch etwas mehr als 200 Millionen Dollar in der Kasse. Insgesamt pumpten Investoren mehr 1,2 Milliarden Dollar in die Firma, die durch die grünen Laster schnell zum Symbol moderner Zeiten wurde und den Gang zum Supermarkt durch einen Mausklick ersetzen wollte.

Bleibt es bei einer "Burning Rate" von 100 Millionen Dollar pro Quartal, geht Webvan Mitte dieses Jahres die Luft aus. Es wäre eine phänomenale Pleite eines Unternehmens, das am ersten Tag des Börsengangs 1999 kurze Zeit einen Marktwert von 15 Milliarden Dollar erreichte. Wie Amazon, der Online-Buchhändler, der den E-Commerce aus der Taufe hob, stieg auch Webvan in nur wenigen Monaten zu einem Haushaltsnamen in den USA auf.

Das Konzept, wenn auch zu optimistisch, war verlockend. Die Kunden sollten Zeit und Geld sparen, denn Webvan nahm nicht nur das lästige Einkaufen ab, es tat dies anfänglich auch noch für umsonst. Heute sind Lieferung nur noch bei einer Order von über 75 Dollar frei, und geliefert wird oft erst zwei bis drei Tage später. Webvans Manager misskalkulierten jedoch die Kaufgewohnheiten der US-Bürger. Das Lebensmittelshopping im Internet macht mit einem Wert von zwei Milliarden Dollar weiterhin nur ein Prozent aller Lebensmittelkäufe in den USA aus. Die meisten Konsumenten wollen offensichtlich lieber im Supermarkt einkaufen gehen oder wollen schlichtweg nicht vorausplanen. Die Folge für Webvan: Viele Klienten bestellten nur einmal oder zu unregelmäßig.

Webvan ist einer der letzten großen Online-Lebensmittellieferanten, der noch nicht die Segel gestrichen oder sich unter die Flügel einer Supermarktkette geflüchtet hat.

Keine kritische Masse

In San Francisco, wo Webvan neben Los Angeles den größten Erfolg verbuchte, laufen durchschnittlich 2160 Order pro Tag ein. Zu wenig. Der Service lohnt sich für Webvan erst bei mehr als 2900 Bestellungen. Auch war die Latte zu hoch gesetzt. Webvan plante ursprünglich, seinen Service auf 26 Städte auszuweiten, bevor überhaupt bewiesen war, ob das Businessmodell funktionierte. Nun werden wohl nicht einmal mehr die 35 Millionen teuren Lagerhäuser in Maryland und New Jersey eingeweiht. Und auch das 30 Meter lange Hightech-Fließband im Kühlhaus in Foster City, das notfalls 8000 Waren zu einer Bestellung zusammensortiert, könnte bald stillstehen. (Rita Neubauer, DER STANDARD, Printausgabe 1.3.2001)

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    foto: webvan
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