Ein vergessener Konflikt

25. April 2005 00:27

Fast 30 Jahre Staat ohne Land - Marokko weiter zu keinen Zugeständnissen bereit

Rabat/Madrid - Die Republik besitzt fast alles, was einen Staat ausmacht. Sie hat eine Regierung, eine Armee, eine Hymne und eine Flagge. Ihr fehlt nur das Territorium. Die "Demokratische Arabische Republik Sahara" (DARS) ist seit fast 30 Jahren ein Staat ohne Land. Das von der DARS beanspruchte Staatsterritorium, die frühere spanische Kolonie Westsahara, wurde 1975 von Marokko annektiert.

Als die Befreiungsbewegung Polisario am 27. Februar 1976 die Sahara-Republik ausrief, war dies der verzweifelte Versuch, doch noch die Unabhängigkeit der von Spanien aufgegebenen Westsahara durchzusetzen. Aber ihr Staat besteht im Grunde nur aus vier großen Flüchtlingslagern bei der algerischen Oase Tindouf. Hier leben in einer der unwirtlichsten Gegenden der Erde 160.000 Flüchtlinge in Zelten und Lehmhütten. Die DARS wurde von über 70 Staaten anerkannt und ist Mitglied der Organisation Afrikanischer Einheit (OAU).

Waffenstillstand

Der Konflikt um die Westsahara geriet in den vergangenen Jahren in der Weltöffentlichkeit weitgehend in Vergessenheit. Es stehen keine strategischen Interessen und keine Ölvorkommen auf dem Spiel. Die ehemalige spanische Kolonie verfügt außer Phosphaten und dem Fischreichtum vor der Atlantikküste über keinerlei Ressourcen. Nach 15 Jahren Guerillakrieg verständigten sich Marokko und die Polisario 1991 auf einen Waffenstillstand.

Seither herrscht weder Krieg noch Frieden. Es gab keine Kämpfe mehr, aber der Konflikt wurde auch nicht beigelegt. Auf Drängen der Vereinten Nationen ließen sich beide Seiten darauf ein, dass die Bevölkerung über die Zukunft der Westsahara abstimmen sollte. Aber bis heute herrscht keine Einigkeit darüber, wer in dem von Nomaden besiedelten Gebiet stimmberechtigt sein soll. Das ursprünglich für 1992 vorgesehene Referendum wurde immer wieder verschoben. Es ist fraglich, ob es jemals stattfinden wird.

Für UNO älteste Friedensmission

Für die UNO gehört der Einsatz in der Westsahara zusammen mit jenem auf Zypern zu den ältesten Friedensmissionen. Ein Ausweg aus dem Konflikt ist nicht in Sicht. Die Polisario drohte damit, den Guerillakrieg gegen Marokko wieder aufzunehmen. Militärisch könnte sie nach Ansicht von Diplomaten die marokkanischen Streitkräfte zwar in einen lästigen Kleinkrieg verwickeln, ihnen aber nicht wirklich gefährlich werden. Marokko errichtete in der Wüste einen fast 2.000 Kilometer langen Befestigungswall mit hochmoderner Überwachungselektronik.

Der Polisario läuft die Zeit davon. Die jüngeren Leute in den Flüchtlingslagern haben die Heimat auf der anderen Seite des Walls nie gesehen. Sie kennen das Land, in denen ihre Familien bis zum Ende der spanischen Kolonialherrschaft gelebt hatten, nur aus den Erzählungen der Eltern. Die Regierung der DARS wirft Marokko vor, mit einer Verschleppungstaktik zum Erfolg kommen zu wollen.

Annexion international nicht anerkannt

Rabat betrachtet die Westsahara als einen Teil des marokkanischen Staatsgebiets, obwohl die Annexion international nicht anerkannt worden ist. Es will das Wüstengebiet, das flächenmäßig so groß wie Großbritannien ist. um keinen Preis hergeben. Marokko erreichte auch, dass der UNO-Vermittler und frühere US-Außenminister James Baker die Möglichkeit einer Autonomieregelung für die Westsahara in Betracht zieht. UNO-Generalsekretär Kofi Annan setzte Rabat eine Frist von zwei Monaten, mit der Polisario eine solche Regelung auszuhandeln. Die Polisario besteht jedoch auf der Volksabstimmung.

Allerdings zahlt auch Marokko einen hohen Preis dafür, dass der Konflikt noch immer ungelöst ist. Erstens belastet die Absicherung der Grenze den Staatshaushalt. Zweitens verhindert der Konflikt eine Annäherung an Algerien, das die Polisario unterstützt. Der Zwist zwischen Rabat und Algier hat zur Folge, dass die Union der Maghreb-Staaten nicht funktioniert. Dies hält wiederum ausländische Unternehmer davon ab, in Nordafrika zu investieren. "Der marokkanische oder algerische Markt allein ist uns zu klein. Größere Investitionen lohnen sich erst, wenn es einen einheitlichen Markt im Maghreb gibt", sagten deutsche Unternehmer kürzlich in Rabat. (APA/dpa)

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