Schlimmer als in Sibirien

1. März 2002, 12:06
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Viktor Adlers Untersuchung über
"Die Lage der Ziegelarbeiter"
Teil 5 von Wolfgang Maderthaner

Am 12. November 1895 stand der Herausgeber der Arbeiter-Zeitung, Dr. Victor Adler, vor einem Wiener Schwurgericht. Er hatte sich wegen der Berichterstattung über einen Streik der Ziegelarbeiter zu verantworten, an dem sich im April dieses Jahres mehr als 6000 Männer, Frauen und Kinder an insgesamt 41 Produktionsstätten der Wienerberger Ziegelfabriks- und Baugesellschaft beteiligt hatten und in dessen Verlauf es zu wüsten Auseinandersetzungen mit dem Militär und der Gendarmerie gekommen war.

Der Staatsanwalt sah in einigen Artikeln den Tatbestand des Verbrechens der Störung der öffentlichen Ruhe erfüllt. In seiner Verteidigungsrede rekapitulierte Adler, wie er auf die katastrophale soziale Lage und das Elend der Ziegelarbeiter aufmerksam geworden war und warum er, als Armenarzt und Psychiater, die Sache gerade dieser Arbeiterschaft zu seinem ureigenen Anliegen gemacht hatte. Vor genau sieben Jahren sei ein in Fetzen gehüllter junger Ziegelschlager zu ihm gekommen und habe im Detail dargestellt, "was wir bis dahin nur geahnt haben". Er habe schlicht und einfach nicht glauben können, dass unmittelbar vor den Toren Wiens, eine Wegstunde vom Zentrum entfernt Hunderte, ja Tausende nackt auf den Ringöfen schlafen, dass an die fünftausend Arbeiterinnen und Arbeiter einer hochprofitablen Aktiengesellschaft in Wohnungen hausen, "die schlimmer sind als alles, was in der Beziehung möglich gedacht werden kann".

Mithilfe zweier befreundeter Ziegelarbeiter, Johann Raab und Ludwig Hader, habe er sich schließlich nachts in das Werk eingeschlichen: "Wir haben Fürchterliches gesehen."

Adler veröffentlicht im Dezember 1888 die Ergebnisse seiner verdeckten Recherchen in der von ihm gegründeten Wochenschrift Gleichheit. Die Artikelserie schlägt ein wie eine Bombe. Sie eröffnet einen direkten Blick in einen für undenkbar gehaltenen sozialen Abgrund, erschließt eine soziale Gegenwelt: die elende, dreckige Kehrseite des Ringstraßenglanzes, das verdrängte, vergessene andere einer gefeierten Fin-de-Siècle-Metropole, eine Welt der Ausbeutung, Entfremdung, Abstumpfung und Apathie. Adler spricht von den "ärmsten Sklaven, welche die Sonne bescheint". Eingebunden in ein über komplexe Hierarchien vermitteltes System absoluter Abhängigkeiten, waren sie der Gesellschaft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert; Trucksystem und Blechwirtschaft bestimmten ihr Dasein. Die ohnedies skandalös niedrigen Löhne wurden nicht in "Normalgeld", sondern in Form von Blechkupons, die wiederum ausschließlich von den Kantinenwirten des Werkes als Zahlungsmittel akzeptiert wurden, ausbezahlt. Die Qualität der angebotenen Waren war mangelhaft, die Preise deutlich überhöht, jede(r) Arbeiter/in einem bestimmten Wirt als Bewucherungsobjekt zugeteilt. Adler: "Im Gefühl seiner Macht sagte ein Wirt einem Arbeiter, der sich beklagte: ,Und wenn ich in die Schüssel sch..., müßt ihr's auch fressen.' Und der Mann hat recht, sie müssen!"

Konnten und durften die Arbeiter nicht außerhalb des Werksgeländes einkaufen, so war es ihnen doch erlaubt zu betteln. Adler beschreibt, wie die Inzersdorfer Konservenfabrik allabendlich von Menschenhorden umlagert wurde, die Abfallprodukte ergattern wollten. Wem immer es möglich war, der scheute auch den anderthalbstündigen Fußmarsch nach Neudorf nicht, wo Herr von Seyfried, der Henker von Wien, täglich 80 Portionen Suppe mit Gemüse verteilen ließ: "Beim Henker ist mehr Mitleid als bei der Aktiengesellschaft und den von ihr besoldeten Antreibern." Jedes Arbeitsverhältnis implizierte auch das zwangsweise Wohnen am Werksgelände. In jedem einzelnen Raum der für die Schlager eingerichteten Arbeiterhäuser lebten drei, vier ja bis zu zehn Familien, "Männer, Weiber, Kinder alle durcheinander, untereinander, übereinander." Für andere wiederum waren so genannte Schlafsäle eingerichtet, wo in einem einzigen Raum 50 bis 70 Personen, auf Holzpritschen und altem Stroh, Körper an Körper geschlichtet, zu liegen hatten. In einem dieser Säle hatte, so Adler, erst vor kurzem eine Frau in der Gegenwart von "50 halbnackten, schmutzigen Männern" entbunden: "Sprechen wir nicht von Schamhaftigkeit, sie ist ein Luxus, den sich nur die Besitzenden leisten können. Das Leben der Mutter ist durch eine Geburt unter solchen Umständen bedroht. Aber was liegt an einem armen Weibe."

Eine besondere Spezialität zeichnete schließlich die Werke am Laaerberg aus. Hier schliefen ganze Männerpartien, großteils Ledige, in und auf den Ringöfen, einerseits der kalten Nachtluft ausgesetzt, andererseits von unten halb gebraten, den Kopf auf einen Kohlehaufen gebettet, von einem schmutzigen Rock notdürftig bedeckt. Die Sträflinge in Sibirien, so Adler zusammenfassend, seien besser versorgt als diese Menschen, deren Verbrechen es offensichtlich war, die Dividenden der Aktionäre der Gesellschaft zu erarbeiten.

Adlers Enthüllungen führen unmittelbar zu einer Interpellation der Reichsratsabgeordneten Pernerstorfer und Kronawetter an den Ministerpräsidenten. Die Interpellation blieb unbeantwortet, jedoch entfaltete die Behörde in anderer Hinsicht ungewöhnlich rasch Aktivitäten. Die Gleichheit wurde konfisziert, die beiden Verbindungsleute Adlers verhaftet und abgeschoben, Adler selbst kam mit einer Geldstrafe wegen unbefugten Verbreitens einer Druckschrift davon. Er ließ dieser Sozialreportage weitere, nicht minder spektakuläre folgen, deren bedeutendste jene über die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Kutscher der Wiener Tramwaygesellschaft im April 1889 war. Sie führte zum behördlichen Verbot der Gleichheit und zu einer Verurteilung Adlers zu vier Monaten schweren Kerkers.

Adler war Politiker, praktischer Soziologe und ein Meister der angewandten Massenpsychologie; seine Sozialreportagen, immer Anklage und Analyse zugleich, sind geradezu ein Schlüssel zu seiner hochkomplexen Persönlichkeit. Er war, wie später auch Sigmund Freud, Assistent bei dem Wiener Gehirnanatomen Meynert gewesen und hatte beim berühmten Pariser Psychologen und Hypnotiseur Charcot studiert. Der junge Deutschnationale aus großbürgerlich-jüdischem Haus beginnt sich der jungen, tief gespaltenen und völlig bedeutungslosen Sozialdemokratie zuzuwenden, als sich in der großdeutschen Bewegung der Rassenantisemitismus eines Georg Schönerer durchsetzt. Als 1884 seine Bewerbung für das Amt eines Gewerbeinspektors abgelehnt wird, widmet sich der Armenarzt verstärkt der Politik, gründet aus den Mitteln seines Privatvermögens die Gleichheit (für die er u.a. Karl Kautsky und Hermann Bahr zur Mitarbeit gewinnt) und wird zur überragenden Führungsfigur der österreichischen Arbeiterbewegung.

Er war somit von der Medizin über die Gewerbeinspektion zur sozialen Prophylaxe gekommen. In diesem Sinn ist der politische Empiriker stets ein politischer Arzt geblieben, der den individuellen Körper, dem die Medizin ihre Aufmerksamkeit widmete, zum sozialen Körper erweiterte. Die medizinische Ausbildung lieferte ihm das methodische und begriffliche Instrumentarium für die Abfassung seiner Arbeiten zur Gewerbehygiene oder zur Alkoholfrage, nicht zuletzt aber auch für seine berühmten und aufsehenerregenden Sozialreportagen. [] DER STANDARD, 24./25. Februar 2001

Wolfgang Maderthaner ist Geschichtswissenschafter und Geschäftsführer des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung.

Viktor Adlers Aufsätze, Rede und Briefe, Heft 4, Wien 1925.

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