Gegen die Redner am Biertisch

1. März 2002, 12:04
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Otto Bauer: Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie
Teil 4 von Heinz Fischer

Der im September 1881 in Wien geborene Otto Bauer stammte aus einer bürgerlichen Familie, kam aber frühzeitig mit der Gedankenwelt der Sozialdemokratie und des Austromarxismus in Berührung. Er arbeitete nach Einführung des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes im Jahr 1907 als Sekretär der Sozialdemokratischen Parlamentsfraktion, wurde nach dem Zusammenbruch der Monarchie zum Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten (in der Regierung Renner) ernannt und war dann bis zum Jahre 1934, also bis zum Untergang der Demokratie in der Ersten Republik der geistige Führer der österreichischen Sozialdemokratie, der sich durch die Brillanz seiner politischen Analysen und seiner theoretischen Schriften auszeichnete.

Der Februar 1934 bedeutete das brutale Ende der legalen Tätigkeit Dr. Otto Bauers, der ins Ausland flüchten musste und 1938 als einsamer und verbitterter Emigrant in Paris noch vor Erreichung seines 60. Lebensjahres verstarb.

In den 60er- und 70er-Jahren gab es in Teilen Mitteleuropas eine Art "Otto-Bauer-Renaissance", die nicht nur zur Herausgabe einer Gesamtausgabe der Werke Otto Bauers in neun Bänden im Europa-Verlag (Wien 1975) führte, sondern auch zu einer Wiederaufnahme der Beschäftigung mit verschiedenen seiner Gedanken und Theorien.

Dazu zählten allerdings zunächst nicht seine Überlegungen in seinem Buch zur Nationalitätenfrage, weil gerade dieses Thema in den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts nicht oder nicht mehr von besonderer Relevanz zu sein schien.

Das hat sich allerdings mit dem Zusammenbruch des Kommunismus, mit dem Wiederaufleben alter und neuer Formen des Nationalismus, mit dem Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens und mit vielen anderen Entwicklungen der letzten Jahre gründlich geändert. Die Nationalitätenfrage ist wieder zu einem wichtigen und spannenden Thema geworden, und damit hat sich auch wieder Interesse an den theoretischen Ausführungen Otto Bauers entwickelt, das so weit geht, dass vor kurzem der angesehene "University of Minnesota Press"-Verlag in den USA eine von Univ. Prof. Ephraim J. Nimni betreute Ausgabe der Nationalitätenfrage herausgegeben hat.

In der Verlagsankündigung heißt es dazu: "Bis heute war das Buch über die Nationalitätenfrage von Otto Bauer das einzige wichtige Werk des klassischen Marxismus, das nicht zur Gänze in englischer Übersetzung vorlag. Das Thema, das Otto Bauer vor nahezu 100 Jahren behandelte, ruft noch immer unzählige Debatten zu nationalen Unterscheidungsmerkmalen und Minderheitenrechten hervor. In diesem bemerkenswert weitsichtigen Text hat Otto Bauer heutige ethnische Konflikte am Balkan und in der früheren Sowjetunion in nahezu prohetischer Weise behandelt und ein frühes Konzept des Multikulturalismus vertreten. Im Versuch, Marxismus und Nationalismus miteinander zu versöhnen, ist Otto Bauer für ein System der Selbstbestimmung für die einzelnen ethnischen Gruppen eingetreten, wobei eine umfangreiche Autonomie innerhalb eines föderalen, multikulturellen Staates garantiert werden sollte - in Otto Bauers Worten eine Art Vereinigte Staaten von Europa mit unübersehbaren Ähnlichkeiten zur gegenwärtigen Europäischen Union."

Otto Bauer war 24 Jahre alt und damals noch mit dem Abschluss seines Studiums der Rechtswissenschaften beschäftigt, als ihn die Russische Revolution des Jahres 1905 zutiefst faszinierte. Die Auswirkungen dieser Revolution auf die aus zahlreichen Nationalitäten zusammengesetzte österreichisch-ungarische Monarchie beschäftigen ihn nicht zuletzt deshalb, weil deren Probleme auch der jungen österreichischen sozialdemokratischen Bewegung in wachsendem Maße theoretische und praktische Schwierigkeiten bereitete.

Man dürfe die nationale Frage, die Otto Bauer als das "schwierigste Problem der inneren Politik" in Österreich und in Russland empfand und die seiner Meinung nach auch "mit den Problemen der auswärtigen Politik untrennbar verknüpft" ist, nicht den Rednern "am Biertisch" überlassen, meinte Otto Bauer mit großer Entschiedenheit.

Nachdem er Mitte Jänner 1906 sein letztes Rigorosum bestanden hatte und am 25. Jänner 1906 zum Doktor der Rechtswissenschaften promovierte, schrieb er am Tag seiner Promotion einen langen Brief an Karl Kautsky, in dem er sich über die Gefahren äußerte, die der sozialistischen Bewegung durch die Verschärfung des nationalen Kampfes zwischen Deutschen und Tschechen drohen könnten. Dieses Problem war ihm so wichtig, dass er wenige Wochen später die Arbeiten an einem Buch in Angriff nahm und nicht eher ruhte, bis er innerhalb eines Jahres sein in der ersten Auflage 576 Seiten umfassendes Werk abgeschlossen hatte, welches der Historiker Richard Charmatz als "würdig des Lebenswerkes eines Gelehrten" bezeichnete. Kernthese dieses Buches war es - abweichend von den damals vorherrschenden Vorstellungen -, die modernen Nationen als aus Schicksalsgemeinschaften erwachsende Charaktergemeinschaften zu begreifen und damit einen differenzierteren Zugang zu suchen als die gemeinsame Sprache oder die gemeinsame Abstammung als Kriterium für den Nationsbegriff.

Vorsichtig tastete sich Otto Bauer von der These der Nation als "Abstammungs-gemeinschaft" an seine Auffassung von der Nation als Kulturgemeinschaft heran, wobei er aber zunächst mehrere Aspekte gelten ließ: "Wenn wir so die Nation einerseits als Naturgemeinschaft andererseits als Kulturgemeinschaft betrachten, so fassen wir damit aber nicht etwa verschiedene Ursachen ins Auge, die den Nationalcharakter bedingen. Der Nationalcharakter ist niemals etwas anderes als der Niederschlag der Geschichte einer Nation. Die Bedingungen, unter denen die Menschen ihren Lebensunterhalt produzieren und den Ertrag ihrer Arbeit verteilen, bestimmen das Schicksal jedes Volkes; auf der Grundlage einer bestimmten Art der Produktion und Verteilung des Lebensunterhaltes entsteht auch eine bestimmte geistige Kultur" (1. Auflage, Seite 24). Und er setzte fort: Wenn wir "die Nation als Kulturgemeinschaft betrachten, d. h. zeigen, wie der Nationalcharakter durch die gemeinsame Überlieferung der von den früheren Generationen überkommenen Kulturgüter bestimmt wird, so stehen wir auf einem viel sichereren Boden, als wenn wir die Entstehung der nationalen Charaktergemeinschaft aus der natürlichen Vererbung körperlicher Eigenschaften zu erklären suchten."

Natürlich war es der Ehrgeiz Otto Bauers, nicht nur das Phänomen der Nation zu erklären, sondern auch Beiträge zur Lösung des Nationalitätenproblems zu erarbeiten sowie Programm und Taktik der österreichischen Sozialdemokratie in der Nationalitätenfrage zu beeinflussen, und diese Teile seines Buches, das auch auf die russische und die deutsche Sozialdemokratie großen Einfluss hatte, sind naturgemäß heute von geringerer Aktualität.

Schon im Frühjahr 1924, also sechs Jahre nach dem Zusammenbruch der Monarchie, verfasste Otto Bauer ein Vorwort zur zweiten Auflage seines Werkes, in dem er freimütig zugab, dass zwischen 1907 und 1924 manche Entwicklungen eingetreten waren, die er im Jahre 1907 nicht vorausahnen und berücksichtigen konnte, wobei er aber an den Kernthesen seines Buches und an seinem Nationsbegriff festhielt.

Heute sind es fast 100 Jahre, seit das Werk Otto Bauers zum ersten Mal erschienen ist, und es sind mehr als 60 Jahre her, seit Otto Bauer, den Bruno Kreisky als den brillantesten Kopf der österreichischen Sozialdemokratie bezeichnet hatte, verstorben ist. Dass ein Problem, das am Beginn des 20. Jahrhunderts so dramatische und entscheidende Auswirkungen hatte wie der Nationalitätenkonflikt am Ende dieses Jahrhunderts bzw. am Beginn des 21. Jahrhunderts neuerlich eine große Dimension erlangte, rechtfertigt es, sich mit einem der originellsten und gründlichsten Werke zu diesem Thema weiterhin zu beschäftigen und ein Buch in die Hand zu nehmen, das in Stil, Sprache und Gedankenwelt den Beginn des 20. Jahrhunderts nicht verleugnen kann, aber dennoch brillante Denkanstöße zu Themen enthält, die uns am Beginn des 21. Jahrhunderts in so intensiver Weise beschäftigen. [] DER STANDARD, 10./11. Februar 2001

Otto Bauer, Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie. Wien 1907.

Heinz Fischer ist Nationalratspräsident der Republik Österrreich.
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