Ein mächtiger Traum

1. März 2002, 12:03
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Theodor Herzl und die Vision eines Judenstaates
Teil 3 von Julius H. Schoeps

Ein Brief stand am Anfang. Theodor Herzl, ein Wiener Journalist und Schriftsteller, hatte im Juni 1895, unmittelbar nachdem er seine Ideen zur Schaffung eines jüdischen Staates dem Philanthropen Maurice de Hirsch unterbreitet hatte, mit den Vorarbeiten begonnen, aus denen seine berühmte Schrift Der Judenstaat entstehen sollte.

Sein Tagebuch, das er bis kurz vor seinem Tode führen sollte, lässt einen Einblick in sein Denken und Tun dieser Tage zu, zeigt, wie eine Idee entsteht und wie sie literarische Formen annimmt. Es beginnt mit den Worten: "Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Werk, das von unendlicher Größe ist. Ich weiß heute nicht, ob ich es ausführen werde. Es sieht aus wie ein mächtiger Traum. Aber seit Tagen und Wochen füllt es mich aus bis in die Bewußtlosigkeit hinein ...Was daraus wird, ist jetzt noch nicht zu ahnen." Mit dem Titel Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage erschien das nur 86 Seiten umfassende Büchlein am 14. Februar 1896 in einer Auflage von dreitausend Exemplaren bei M. Breitensteins Verlagsbuchhandlung in Wien. Um vor der Öffentlichkeit die Ernsthaftigkeit seines Planes zu unterstreichen, der bereits im Vorfeld von einem Freund Herzls als das Produkt eines überreizten Hirnes bezeichnet worden ist, hatte Herzl auf der Titelei der Umschlagseite mit "Theodor Herzl, Doctor der Rechte" gezeichnet. In dieser Schrift war Herzl bemüht, seine Auffassung zu konkretisieren, dass er eine Lösung des Judenproblems nur in der Wiedergewinnung der inneren und äußeren Freiheit für die Juden und das Judentum sehe. Seine zentrale These, die in ähnlicher Art und Weise bereits vor ihm der Karl-Marx-Freund Moses Hess und der Odessaer Arzt Leon Pinsker vertreten hatten, war die, dass die Judenfeindschaft nicht etwa als ein voremanzipatorisches Relikt, sondern als eine direkte Folge der Emanzipation zu gelten habe. Das bedeutete, dass Herzl der Überzeugung war, dass die Emanzipation als Integrationsmaßnahme versagt und das Streben der Juden nach Assimilation an ihre nichtjüdische Umwelt ein zum Scheitern verurteilter Irrweg sei. Theodor Herzl stellte in seinem Judenstaat - ganz dem Zeitgeist um die Jahrhundertwende entsprechend - die "Judenfrage" vorrangig als ein nationales Problem dar. "Ich halte die Judenfrage", bemerkte er in seiner Schrift, "weder für eine soziale noch eine religiöse, wenn sie sich auch so und anders färbt. Sie ist eine nationale Frage. Wir sind ein Volk, ein Volk." Gegenüber Armand Kaminka, zu dieser Zeit Oberrabbiner in Esseg (Slowenien), bemerkte er in einem Brief, den er kurz vor Erscheinen seines Judenstaates geschrieben hatte: "Wir sind ein Volk. Ein Volk durch unsere Geschichte, durch den alten Druck und die neuen immer wiederkehrenden Verfolgungen" (23. Januar 1895). In einem Aufsatz, den er 1899 in der North American Review unter dem Titel "Zionismus" veröffentlichte, ist Herzl auf die Problematik noch einmal eingegangen und hat die Kriterien erörtert, die seiner Meinung nach eigentlich eine Nation ausmachen. Der Schluss, zu dem er kommt, den auch die heutige Nationalismusforschung nicht anders ziehen würde, ist die Erkenntnis, dass eine Nation eine historische Menschengruppe von erkennbarer Zusammengehörigkeit ist, die durch einen gemeinsamen Feind zusammengehalten wird.

Auf die Juden angewendet, bedeutet diese Erkenntnis, dass der Feind der Antisemitismus ist, dem Herzl im Übrigen die Rolle zuweist, Antriebskraft und Motor zur Verwirklichung seiner Judenstaatsidee zu sein. Ganz unzweideutig war Herzl, beeinflusst von den Staatstheorien Machiavellis und Hegels, dem nationalstaatlichen Denken des 19. Jahrhunderts weit mehr verhaftet als den traditionell-religiösen Überlieferungen des Judentums. In seinem Judenstaat ist kaum eine Andeutung auf den religiösen Zionsgedanken zu finden, was vor allem daran deutlich wird, dass es Herzl prinzipiell gleichgültig ist, wo der zu gründende Staat liegen soll. Er wäre bereit gewesen, die Juden in Ostafrika oder Südamerika zu sammeln, falls die dortigen "geologischen, klimatischen, kurz - natürlichen Verhältnisse aller Art" ein Siedlungswerk großen Stils zugelassen hätten. Zu diesem Zeitpunkt war Herzl noch nicht auf ein spezifisches Territorium fixiert. Palästina spielte in seinem Denken noch nicht die Rolle, die es später haben sollte. Wichtiger war ihm das Anliegen, in der Öffentlichkeit die materiellen Voraussetzungen für die Schaffung eines "Judenstaates" zu diskutieren. Herzl weist zwar auf die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit und völkerverbindender Humanität in seinem zu errichtenden "Judenstaat" hin, doch interessierte ihn dieser Aspekt nur am Rande. Mehr war ihm an der politischen Technik der Staatsgründung gelegen, die er für wichtiger erachtete und deshalb ausführlich erörtert hat.

Fast zwei Drittel von Herzls Schrift setzen sich mit der Frage der politisch-technischen Durchführung seines Judenstaatsplanes auseinander, vor allem mit der Schaffung der wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen, die seinem utopischem Projekt das Gepräge eines hochzivilisierten und industriellen Musterstaates gaben. Dabei ist nicht nur die Rede vom Bau von Eisenbahnen und Straßen, sondern auch von der Errichtung von Arbeiterwohnungen, Theatern, Spitälern und Museen. "Niemand ist stark oder reich genug", heißt es in der Vorrede zu Herzls Judenstaatsbroschüre, "um ein Volk von einem Wohnort nach dem anderen zu versetzen. Das vermag nur eine Idee. Die Staatsidee hat wohl eine solche Gewalt." Und weiter heißt es: "Die Juden haben die ganze Nacht ihrer Geschichte hindurch nicht aufgehört, diesen königlichen Traum zu träumen: ,Übers Jahr in Jerusalem!' ist unser altes Wort. Nun handelt es sich darum, zu zeigen, daß aus dem Traum ein tagheller Gedanke werden kann." Und schließlich: "Der Judenstaat ist ein Weltbedürfnis, folglich wird er entstehen ... Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben und sie werden ihn verdienen." Dass Herzls Judenstaat bei seinem Erscheinen nicht nur auf Zustimmung stieß, ergibt sich eigentlich von selbst.

Stefan Zweig erinnert sich an die "allgemeine Verärgerung", die die Veröffentlichung "dieses Unfugs, dieses abstrusen Traktats" auslöste. Diese Formulierung spielte auf das Selbstverständnis des assimilierten Judentums an, das über Herzl den Kopf schüttelte und über seine Ideen geradezu erbost war. In diesen Kreisen hielt man den Antisemitismus für eine "heilbare Krankheit". Herzls Vorschlag, einen "Judenstaat" ins Leben zu rufen, sah man als abwegig an. Von denen, die sich zustimmend und teilweise geradezu enthusiastisch äußerten, seien in erster Linie der Wiener Rabbiner Moritz Güdemann und der Schriftsteller Richard Beer-Hofmann genannt. Güdemann bemerkte: "Eine wahre Bombe - sie wird Wunder wirken!"

Und Beer-Hofmann, dem Herzl ein Widmungsexemplar hatte zukommen lassen, war von Herzls Schrift so angetan, dass er sich zu der Bemerkung hinreißen ließ: "Endlich wieder ein Mensch, der sein Judentum nicht wie eine Last oder ein Unglück resigniert trägt, sondern stolz ist, der legitime Erbe einer uralten Kultur zu sein." (13. März 1896) [] DER STANDARD, 30./31. Dez. 2000/ 1. Jän. 2001

Julius H. Schoeps, Professor für Neuere Geschichte und Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums an der Universität Potsdam; von 1993-97 war er Gründungsdirektor des Jüdischen Museums der Stadt Wien.
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