Zurück zur Naturphilosophie

1. März 2002, 11:56
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Theodor Gomperz
"Griechische Denker" (1893-1909)
Teil 1 von Wendelin Schmidt-Dengler

Seine Empfehlung hat immer noch Gewicht: Als Sigmund Freud im Jahr 1907 nach zehn empfehlenswerten Büchern gefragt wurde, nannte er - als einzigen österreichischen Autor - Theodor Gomperz (1832-1912) mit seinem Hauptwerk Griechische Denker, und dies war weniger ein Akt der Dankbarkeit denn der Überzeugung. Er fühlte sich mit Gomperz in seinem Bekenntnis zur Tradition aufklärerischen Denkens verbunden und konnte sich des Öfteren auf ihn als Gewährsmann berufen, wenn es um Antikes ging. Auch persönlich war Freud dem klassischen Philologen verpflichtet, hatte dieser doch im Jahre 1880 den jungen Arzt Sigmund Freud mit der Übersetzung des zwölften und letzten Bandes der von ihm besorgten deutschen Ausgabe der Schriften des Sozialphilosophen John Stuart Mill (1806-1873) betraut. Mit dem Verweis auf Mill, der das Prädikat eines "uomo universale" verdient, ist auch der Rahmen vorgegeben, innerhalb dessen Gomperz' Hauptwerk gelesen werden sollte und auch gelesen wurde. Wesentliche Impulse gingen eben von Mill und der Forschung in Großbritannien aus, zum anderen wirkten die Griechischen Denker weit über den akademischen Bereich hinaus, ohne je mit dem Prädikat des Populärwissenschaftlichen gebrandmarkt zu werden.

Die Griechischen Denker sind ein Spätwerk, denn als Gomperz sich im Jahre 1890 an die Arbeit machte, war er bereits 58 Jahre alt, und das Erscheinen in einzelnen Lieferungen zog sich von 1893 bis 1909 hin, aber ehe die drei Bände abgeschlossen waren, galten sie als Standardwerk.

Aufschlussreich ist der Hintergrund, dem sich dieses monumentale Werk verdankt: Theodor Gomperz entstammte einer reichen jüdischen Familie; er wurde als letztes und achtes Kind eines Bankiers in Brünn geboren. Er verfügte Zeit seines Lebens über ein beachtliches Vermögen, sodass er auf keinen Brotberuf angewiesen war und sich auch mit der Wahl des Studiums Zeit ließ. Seine Studienjahre führten ihn zunächst nach Wien, dann nach Leipzig und auch nach England, wo er John Stuart Mill persönlich kennen lernte. Er warb 1856 um dessen Stieftochter, allerdings schlug diese seine Bewerbung im Einverständnis mit Mill aus, eine Verletzung, die lange nachwirkte, allerdings der Bewunderung für den großen Gelehrten keinen Abbruch tat. Erst 1869 heiratete Gomperz die Bankierstochter Elise von Sichrovsky. Der Umgang im Hause Gomperz lässt sich sehen, und es sei - neben Sigmund Freud - verwiesen auf Namen wie Theodor Billroth, Ferdinand von Saar, Eduard Bauernfeld, Hugo von Hofmannsthal, Eduard Suess, Adolf Exner, Ludo Moritz Hartmann, Wilhelm Scherer und Thomas Masaryk, den späteren Präsidenten der tschechischen Republik, der als Privatlehrer des Sohnes Heinrich (1873-1942) wirkte.

Die akademische Karriere verlief vergleichsweise unkompliziert: Gomperz hatte 1865/66 die in Herculaneum gefundene Papyri ediert und konnte damit seinen Ruf als Gelehrter begründen. Ohne zum Doktor promoviert zu sein, wurde er 1867 zum Universitätsdozenten und 1873 zum ordentlichen Professor für klassische Philologie ernannt. Die von dem Sohn Heinrich zusammengestellten und 1974 von Robert A. Kann ausführlich kommentierten und unter dem Titel Theodor Gomperz. Ein Gelehrtenleben im Bürgertum der Franz-Josef-Zeit 1974 herausgegebenen Lebenszeugnisse sind eines der wichtigsten Dokumente der österreichischen Wissenschaftsgeschichte. Sie zeigen einen Gelehrten, der um die Krisen seines Faches weiß, der aber auch über den Topfrand seines Spezialistentums hinausblickt und über ökonomische, psychologische, pädagogische und politische Zusammenhänge nachdenkt und auch eingreift, der aus seiner liberalen und großdeutschen Haltung kein Hehl macht und doch die Monarchie erhalten wissen will, der aber, selbst im Ruhestand, sich mit dem Erreichten nicht zufrieden gibt und das Material, das ihm geläufig war, immer wieder neu durcharbeitet, um es für sein großes Werk verfügbar zu machen.

Gomperz' Schulung durch den englischen Pragmatismus schlägt sich positiv in der Sprachgestalt nieder: "Er besitzt das Geheimnis, schwere Gedanken leicht zu machen, ohne sie zu entstellen", schrieb 1894 der Wiener Kritiker Ludwig Speidel anlässlich des Erscheinens der ersten Lieferungen.

Gomperz war sich der Bedeutung der zeitgenössischen Naturwissenschaft bewusst, und seine Analyse der griechischen Denker geht von dieser aus. Sein Interesse konzentrierte sich auf die griechische Naturphilosophie. Gomperz' Betrachtungsweise wird durchgehend von einem deutlich erkennbaren antimetaphysischen Impuls geleitet. Ein Wort des Physikers Helmholtz ist dem Kapitel "Von der Metaphysik zur positiven Wissenschaft" vorangestellt: "Ein metaphysischer Schluß ist entweder ein Trugschluß oder ein versteckter Erfahrungsschluß." Der Religionskritik des Xenophanes gilt des Autors besondere Neigung: Dieser "weiß es, daß die Neger ihre Götter schwarz und stülpnasig, daß die Thraker die ihrigen blau und rothaarig bilden. Warum sollten jedoch nur die Griechen recht, Thraker und Neger aber unrecht haben?" fragt er pointiert. Doch geht Gomperz mit den von Xenophanes inkriminierten Quellen wie Homer und Hesiod vorsichtig um: Sie erscheinen auch als wichtige Zeugen eines Denkens, und werden nicht in den dunklen Bereich des Mythos abgeschoben. Er meidet die beliebte und zugleich simple Antithese von Mythos und Logos. Lange vor Hans Blumenbergs Arbeit am Mythos (1979) scheint er zu wissen, dass der Mythos eine Provinz des Logos ist. Vor allem im Abschnitt zu Herodot will er dem Verhältnis von Mythos und Historie nachspüren und kommt zu dem Ergebnis: "Die Poesie des Mythos hatte als Wirklichkeit zu gelten beansprucht; was Wunder, daß die Wirklichkeit es ihrerseits an Übergriffen auf das Feld der Poesie nicht fehlen ließ. [...] Ist doch die Schlichtung des alten Besitzstreites selbst heute nicht vollständig gelungen."

Bedenken kamen Gomperz vor allem in Zusammenhang mit Platon. Sein Sohn Heinrich, der selbst später zum Professor für Philosophie an der Universität Wien wurde, begleitete die Platon-Kapitel mit kritischen Kommentaren. Er habe, so Heinrich Gomperz, Platon entschieden gewürdigt, allerdings die Ideenlehre "leise belächelt" und gemeint, dass die Idee der Unsterblichkeit sowie die beglückende Kraft der Tugend nicht mit guten Argumenten begründet worden und der Idealstaat kaum den menschlichen Fähigkeiten angemessen wäre. Doch habe er in Platon den Entdecker des Assoziierens der Ideen und einen Vorkämpfer der Emanzipation der Frauen gesehen und als Urheber eines Wahlverfahrens für Vertretung von Minderheiten gepriesen. Im Großen und Gan-zen, so der Sohn, habe sein Vater die "unity of Plato's thought" nicht darzustellen vermocht, aber doch die Fülle der Gedanken nie in das "Prokrustesbett eines Systems" gepresst. Gomperz zitiert aus Platons Theaitet: "Wahr ist für mich meine Empfindung", und von da aus konnte er die Brücke zu Ernst Mach und zu seiner Analyse der Empfindungen (1886) schlagen. (Am Rande sei erwähnt, dass es der klassische Philologe Gomperz war, der sich auf Empfehlung seines Sohnes dafür einsetzte, dass der Physiker Ernst Mach 1895 die Lehrkanzel für Geschichte und Theorie der induktiven Wissenschaften erhielt.) Es ist der Platon eines Philologen, nicht der eines Philosophen, doch machte Gomperz Qualitäten sichtbar, die einer Anschauung, die sich allein auf die Ideenlehre konzentriert, verborgen bleiben müssen. Platon ist der große "Original-Denker", der, wenn "er den Pfad des Irrtums bis zum Ende gewandelt ist, [...] der Wahrheit näher [steht], als wenn er auf halbem Wege halt gemacht hätte." Gomperz suchte in nahezu jedem Falle einen neuen Zugang zu den einzelnen Denkern. Aus diesem innovativen Impuls, der den Leser auch zum kritischen Nachvollzug nötigt, erklärt sich die intensive Wirkung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Karl Popper hat sich für die Platon-Kritik in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945) auf Mill, vor allem auf Gomperz berufen: Allerdings sei dieser, so Popper, auch dem "Zauber Platons" erlegen und habe das Verhängnisvolle seines totalitären Staatskonzepts nicht hinlänglich erkannt. "Ihre Darstellung und Auffassung erscheint mir im allerhöchsten Sinne eine naturwissenschaftliche und ist mir auch darum so sympathisch," schrieb Theodor Billroth, und der Geologe Eduard Suess jubelte: "Das ist ja der Idealismus, dessen unsere Zeit bedarf!" Zu den begeisterten Lesern gehörte - nach eigener Aussage - auch der junge, damals noch radikale Sozialist Benito Mussolini.

Ein Vortrag von Gomperz unter dem Titel "Traumdeutung und Zauberei" (1866) bot Freud manche Anregung. Der Schluss dieses Vortrags scheint das Programm zu enthalten, nach dem Gomperz seine Forschungen betrieb: "Man widerlegt nur, was man erklärt hat. Und wir Spätgeborenen können uns von dem übermächtigen Einfluß der Vergangenheit nur befreien, wenn wir sie gründlich erkennen." Der Philologe Gomperz schrieb nicht, um nostalgisch die Vergangenheit zu retten, sondern um die Gegenwart zu gewinnen. Ein Grundsatz, der sich allenthalben anwenden lässt, auch in der Politik. Gerade heute. []

Theodor Gomperz, Griechische Denker. Eine Geschichte der antiken Philosophie. 3 Bände. Eichborn, Frankfurt/M. 1996. [Nachdruck der vierten Auflage, 1922 bis 1931].

Wendelin Schmidt-Dengler ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Wien und Leiter des Österreichischen Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek.

"Man widerlegt nur, was man erklärt hat. Und wir Spätgeborenen können uns von dem übermächtigen Einfluß der Vergangenheit nur befreien, wenn wir sie gründlich erkennen." Theodor Gomperz, hier nach einer Radierung von L. Michalek, suchte zu fast allen griechischen Philosophen einen neuen Zugang. DER STANDARD, 18./19. November 2000

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