Die Ökonomie des Opfers

22. Februar 2001, 20:14

Rinderwahn: Schuld des Marktes oder des EU-Dirigismus?

Isolde Charim sucht nach einem Erklärungsmodell für die BSE-Krise jenseits von Regulierungswahn und Marktlogik - und findet es im Reich der Ideologie.

Eva Rossmann hat an dieser Stelle (4. 2.) eine heftige moralische Anklage erhoben gegen jene perverse Marktlogik, die sie im Titel ihres Beitrags zusammenfasst: "Das Kapital frisst seine Rinder". Hans Rauscher hat darauf - und auf ähnliche Schuldzuweisungen an der BSE-Krise - mit nüchterner Pragmatik geantwortet und nicht den Markt, sondern die europäische Agrarwirtschaft, das "größte dirigistische System der Welt", als den wahren Bösen ausgemacht.

Unterschiedlicher könnten die Positionen nicht sein: Ist der Markt schuld an den angekündigten Massenschlachtungen, wie die moralische Empörung meint? Oder ist es die EU mit ihren Interventionen, die das freie Spiel der Kräfte fesselt und dadurch solch aberwitzige Konsequenzen hervorruft, wie die sachliche Analyse uns glauben machen möchte?

Der Potlatsch . . .

Vielleicht aber reichen die beiden Alternativen nicht aus, um das Spezifische der gegenwärtigen Situation zu erfassen. Ist hier nicht auch noch eine ganz andere Dimension - jenseits von Regulierung und freiem Markt - im Spiel? Zeigt sich nicht das Ideologische als bestimmend bei der BSE-Krise?

Es ist bereits mehrfach darauf hingewiesen worden (etwa von Carl Amery in der Zeit oder von Joachim Riedl im Format), dass die Massenschlachtungen Opferrituale sind - verstanden im Sinne einer rituellen Reinigung. Aber diese Darstellungen greifen zu kurz. Denn das Opfer ist mehr. Es scheint deshalb angebrachter, die derzeitigen Ereignisse als "Potlatsch" zu verstehen. Damit bezeichnet man jene merkwürdigen Vorgänge, die man in den unterschiedlichsten Gesellschaften immer wieder beobachten kann: die verschwenderische Zerstörung angehäufter Reichtümer.

Der französische Soziologe und Anthropologe Marcel Mauss hat bereits 1925 die Logik dieser Destruktion von Überschüssen untersucht. Und das Paradoxe daran ist, dass die Sinnlosigkeit wesentlich für diese Logik ist. Das ist ja auch das Beunruhigende an der derzeitigen Situation: Nicht dass Rinder geschlachtet werden sollen, erregt die Gemüter, sondern die Nutzlosigkeit der Tötungen, das heißt ihre rein marktstrategische Begründung. Wir stehen vor der widersinnigen Situation, dass die ökonomische Logik sich nur mehr durch die äußerste Irrationalität, durch einen Exzess, durch das Überschreiten vieler Grenzen (moralischer, ökonomischer, rechtlicher usw.) aufrechterhalten lässt.

Das funktioniert nur, weil die Sinnlosigkeit dabei eine andere Art von Tausch eröffnet: Der Potlatsch ist der Tausch mit dem Nichttauschbaren. Man opfert den Überschuss, um böse Geister zu vertreiben oder um Frieden zu erkaufen.

In der derzeitigen Situation soll die Bedrohung durch eine Irrationalität - der Angriff auf unser aller Gesundheit durch hochrationalisierte Massentierhaltung - mittels einer zweiten Irrationalität abgewehrt werden: Die sinnlosen Massenschlachtungen sollen den (schwer erschütterten) Glauben an die Rationalität des ökonomischen Systems "erkaufen". Die Zerstörung der Opfergabe wird dabei zu einem notwendigen Moment: Nur die sinnlose Verschwendung ermöglicht eine Gleichsetzung mit dem, was nicht gleichgesetzt, den "Kauf" von dem, was nicht gekauft werden kann.

. . . und "wir"

In diesem Sinn ist das Opfer nicht nur Reinigung, sondern vor allem ein Vertrag, der das Irrationale in die Form des Tausches zu bringen versucht. (Dabei ist es nebensächlich, ob der Vertragspartner ein Gott oder eine andere menschliche Gemeinschaft ist.) Diese Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil die EU - in Gestalt von Franz Fischler - den europaweiten Potlatsch der Rinderschlachtungen (in der dafür typischen obligatorischen Freiwilligkeit) fordert. Die österreichische Regierung - in Gestalt der Minister Haupt und Molterer - verweigert aber die Teilnahme an einer rituellen Reinigung.

Interessant ist in dem Zusammenhang das Vokabular, in dem dieser Disput ausgetragen wird: von "Marktbereinigung" bis zum "reinen Tisch machen" ist die Rede. Die Weigerung, an der großen Reinigung teilzunehmen, funktioniert wie eine Rache an der EU für die so genanten "Sanktionen": "Wir" sind nicht verseucht. "Wir" sind BSE-frei und damit auch ideologisch rein. Deshalb bieten "wir" jetzt der EU unsere unverseuchte Stirn.

Aber genau daran wird deutlich, dass die österreichische Regierung eigentlich den Potlatsch als Vertrag verweigert: die Teilnahme an einem europaweiten "totalen gesellschaftlichen Phänomen" (Marcel Mauss). Total insofern, als es alle gesellschaftlichen Institutionen - rechtliche, moralische, ökonomische, politische - und alle Mitglieder gleichzeitig in einen Tausch mit dem Irrationalen einbindet, um die Gemeinschaft in einer Krisensituation zu stabilisieren. Dieses Grundmotiv des Potlatsch hat Fischler ausgesprochen, als er den mangelnden "Solidarbeitrag" einforderte. Das ist es, was hier - jenseits aller Moral - verhandelt wird.

Isolde Charim ist Philosophin in Wien.

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