Philosophen als Neoliberale in der Gen-Debatte

15. Februar 2001, 15:39

Wissenschafter: Sie sollen die "gezielte Provokation" suchen

Mannheim - In der aktuellen Gen-Debatte sollten Philosophen nach Ansicht von Peter Sloterdijk die Aufgabe der "gezielten Provokation" übernehmen. Geisteswissenschafter seien gerade angesichts des derzeitigen Aufschwungs der Naturwissenschaften gefragt, an der Schärfung der Urteilskraft zu arbeiten, sagte der Philosophieprofessor am Mittwochabend in einer Podiumsdiskussion in Mannheim.

Der Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung hatte 1999 mit Aufsehen erregenden Thesen zu Züchtungschancen im Menschenpark als Enfant terrible seiner Zunft dazu beigetragen, die Gen-Debatte in den deutschen Feuilletons zu entfachen. In der Podiumsdiskussion über die "Erfindung des Menschen durch den Menschen" gab sich Sloterdijk dagegen bedächtig.

Zur Arbeit an der "Regeneration der Urteilskraft" gehöre unter anderem die "gezielte Provokation". Die Philosophen könnten in der Diskussion über die Grenzen der Gentechnik dieselbe Rolle spielen wie die Neoliberalen für den Markt. Ebenso notwendig sei es aber auch, Fehlhaltungen zu beschreiben. "Wir brauchen eine Art moralisches Emissionsschutzgesetz, um den Ausstoß von moralischen Unerträglichkeiten zu regulieren", sagte Sloterdijk.

"Biokulturalismus"

Den Aufschwung der "Lebenswissenschaften" sieht der Philosoph gelassen. Letztlich werde die traditionelle Zweiteilung in Natur- und Geisteswissenschaften ohnehin in einem neuen "Biokulturalismus" aufgehoben. "Wir werden auch den biotechnischen Subjektivismus überwinden", sagte er. Zur Not könnten die Philosophen der Zukunft immer noch als Therapeuten gescheiterter Gentechniker dienen.

Die Rolle des Provokanten übernahm in Mannheim eher der Philosoph Walter Zimmerli mit einem Loblied auf den Pragmatismus. "Ethik und Pragmatismus sind kein Gegensatz", betonte Zimmerli. Pragmatismus sei lediglich eine Form von Ethik, die sich ihrerseits ohnehin nachträglich an die Realität anpasse. Entscheidend sei allein die Schärfung der Urteilskraft: "Wir müssen schlicht fragen: Was nützt es? Wem dient es?" Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms gebe noch lange keine Antwort auf die Frage nach dem Menschen: "Es ist, als ob Sie Beethovens Neunte Symphonie hören möchten und nur die Partitur vorgelegt bekommen." Zimmerli warnte vor einer Beschränkung der Forschungsfreiheit, die letztlich zu einer "Mullah-Republik Deutschland" führe.

Problem der Einlösung

Sollte die Avantgarde der Biowissenschaften ihre Heilsversprechen also ungehindert verbreiten können? Ursel Fuchs, Autorin eines Buches mit dem Titel "Die Genomfalle", sieht genau hier das Problem: "Die Genforschung hat ihre Gesundheitsversprechen nicht eingelöst und wird sie auch lange nicht einlösen können." Die Gentechnik sei keine Wissenschaft wie jede andere, da sie Artgrenzen und Generationen überschreite. "Die Kontrolle ist sehr schwierig", sagte Fuchs. Daher dürfe die Gesellschaft sich nicht von falschen Heilszusagen leiten lassen.

Dagegen helfe nur Aufklärung, befand auch der Berliner Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski. Er erkenne in der Gen-Debatte die "Renaissance eines primitiven deterministischen Denkens". Die Aufgabe der Philosophen bestehe darin, vor der Selbstüberschätzung zu warnen. "Die Frage lautet: Können wir das, was wir tun, der künftigen Generation zumuten?", sagte Safranski. Es müsse neu über den Sinn von Tabus, über den Wert des Nicht-Wissens nachgedacht werden. (dpa)

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    foto: photodisc
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