"Wir können die Noosphäre managen"

14. Februar 2001, 19:38

Was dem US-Großprojekt Biosphere-2 in den 90er Jahren misslang, schaffte der russische Pionier Gitelson in der Sowjetunion in den 60er Jahren.

Wien – "Über Millionen Jahre hat die Natur das Leben auf der Erde im Gleichgewicht gehalten – Pflanzen und Bakterien haben so viel Sauerstoff produziert, wie Tiere und Menschen brauchen, und von ihnen so viel Kohlendioxid bekommen, wie sie brauchen -, was der österreichische Geologe Eduard Suess 1870 im Begriff ,Biosphäre' zusammenfasste", berichtet Biophysiker Josef Gitelson (Krasnojarsk) dem STANDARD, "aber seit Mitte 19. Jahrhunderts sind die Eingriffe des Menschen so gewachsen, dass sie so groß wie oder größer sind als die der Natur selbst. Deshalb prägte Suess' Schüler und mein Lehrer Vernadsky einen neuen Begriff: ,Noosphäre'".

Das kommt vom griechischen "Geist" und meinte zunächst nur, dass der Mensch seinen Erfindergeist einbringt, die Technik, etwa die Raumfahrt, mit der er seine Sphäre verlassen kann. "Wenn er aus der Biosphäre austritt, muss er eine mitnehmen", erklärt Gitelson, dem sich das Problem früh stellte: "Gleich nach dem ersten Raumflug von Gagarin kam der Chef des sowjetischen Raumfahrtprogramms mit der Frage auf uns zu, wie man auf Langzeitflügen die Crew versorgen könne."

Algen machen Luft

Gitelson machte sich an die Konstruktion eines geschlossenen Systems und hatte 1965 eine erste Lösung, eine Kombination von Algen und Menschen. "Zwölf Quadratmeter Algenoberfläche produzieren genug Sauerstoff für einen Menschen", berichtet der Pionier, "aber Algen kann man nicht essen."

Deshalb setzte man im Folgeversuch – dem Container BIOS-3 – auf Nutzpflanzen, Weizen, Tomaten, Gurken. "Dreißig Quadratmeter reichen für die Versorgung eines Menschen mit allem, in unseren Tests haben drei Personen ein halbes Jahr darin – isoliert von der Außenwelt – gelebt."

"Seitdem wissen wir, dass Menschen eine Noosphäre so managen können, dass sie die Funktionen der Biosphäre erfüllt." Allerdings sind die Bedingungen höchst artifiziell: Die Pflanzen werden dauernd beleuchtet und stehen nicht in Erde, sondern in Nährlösung.

Das unterscheidet BIOS-3 von Biosphere-2, dem späteren Riesenexperiment in den USA, in dem man in einem geschlossenen System die ganze Vielfalt der Natur – bis hin zu Wüsten und Korallenriffen – so nachstellen wollte, dass es sich selbst und seine menschlichen Bewohner im Gleichgewicht hält. 1993, nach zwei Jahren, war das Experiment gescheitert. "Die Sauerstoffgehalte waren stark gefallen", berichtet Gitelson, "das System hatte sich in eine nicht vorhersehbare Richtung entwickelt."

Das unterscheidet die beiden Ansätze: Gitelson will die Biosphäre nicht Stück für Stück nachbauen, er will nur ein "funktionelles Modell" von ihr, das dafür wirklich funktioniert. Allerdings steht BIOS-3 aus Geldmangel schon lange still. Und wenn es je aktiviert wird, will Gitelson nun andere Probleme angehen als die der Raumfahrt: "Das ist nicht mehr Priorität, jetzt geht es um unsere eigene Noosphäre", die durch zu viel Ungeist – Übernutzung der Ressourcen, Überflutung mit Müll – an den Rand getrieben wird.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 2. 2001).

Von Jürgen Langenbach

Gitelson ist Gast am Wiener Naturhistorischen Museum und hält dort auf Englisch einen Vortrag, allerdings zu einem anderen Thema: Bioluminiszenz. 16. 10., 19.00
  • Biosphere-2
    foto: standard/naturhistorisches museum

    Biosphere-2

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