Blutegel und Eisriesen

19. Juli 2005, 11:36
posten

Der Weg zum Makalu, dem fünfthöchsten Berg der Welt, führt durch die wenig bekannte tropische Hügellandschaft Nepals

Die Kunde, dass eine westliche Expedition Richtung Makalu Base Camp unterwegs ist, hat sich in den Dörfern des Aruntals wie ein Lauffeuer verbreitet. Seit Stunden sitzt die junge Frau am Wegesrand und wartet auf die Alpinisten. Als diese das kleine Straßendorf passieren, begrüßt sie die Fremden mit "Namaste" - Guten Tag, dann hält die Frau wortlos ihren Fuß hin: Die vermutlich mit einer Hacke geschlagene Wunde ist einige Wochen alt und muss dringend desinfiziert und verbunden werden. Ein Routinejob für Expeditionsärzte oder Trekkingguides.

Solche Begegnungen sind für Nepalreisende, die sich abseits der Touristenzentren im Khumbu, den Hochtälern rund um den Everest, oder um die Annapurna bewegen, keine Seltenheit. Der Großteil des Landes liegt bis heute abseits des Touristenstroms. Elektrizität ist selten, da ist ein Transistorradio schon außergewöhnlicher Luxus. Medizinische Grundversorgung oder der Besuch einer weiterführenden Schule sind für die wenigsten Nepali Realität. Lasten werden von Trägern oder Tragtieren transportiert, Kraftfahrzeuge gibt es kaum.

Der etwa auf derselben Breite wie die Sahara liegende Himalaya-Staat hat viele "vergessene" Regionen. Dass dies auf absehbare Zeit so bleiben wird, dafür sorgt schon der Bürgerkrieg, der insbesondere in West-Nepal seit Jahren tobt. International weitgehend unbemerkt kämpfen maoistisch orientierte Rebellen für soziale Verbesserungen und gegen die staatliche Autorität. Der Aufstand hat vor allem soziale Gründe: Jedes dritte Kind stirbt vor seinem fünften Geburtstag. Jeder zweite Mann ist des Lesens und Schreibens unkundig; vier von fünf Frauen sind Analphabetinnen. Derzeit wird in 29 der insgesamt 75 Bezirke gekämpft. Viele sind für Ausländer gesperrt.

Von den Unruhen verschont blieb bisher der Osten Nepals. Hier am Arun, der gemeinsam mit dem Tamur den Nordosten des Landes bewässert, taucht man in ein Nepal ein, das den bekannten Klischees von grünen Almen, Yaks und vergletscherten Bergen im Hintergrund nicht entspricht. Das Klima hier ist tropisch, feucht und heiß. Die sanften Hügel sind überzogen mit dichtem Dschungel und Nebelwäldern, auf den gerodeten Flächen werden Reis, Hirse und Bananen angebaut.

Im Aruntal wird zwar nicht gekämpft, die sozialen Spannungen sind aber spürbar: Im kleinen Ort Sedua etwa flattert statt der Gebetsfahnen die rote Fahne der KP im Wind. Die Situation könnte sich bald zuspitzen. Eine US-amerikanische Investorengruppe plant ein gigantisches Stauwerk zur Stromproduktion. Die Energie soll an Abnehmer im reicheren Indien geliefert werden. In Nepal selbst sind nur 15 Prozent der Haushalte an das Stromnetz angeschlossen. Mit dem Mega-Kraftwerk würden riesige Naturgebiete unter Wasser gesetzt werden. Die Entwicklungshilfeorganisation Öko-Himal befürchtet neben der ökologischen auch eine soziale Katastrophe. Denn durch die für die Bautätigkeit notwendige Straße würde die Region in kürzester Zeit mit billigen Konsumgütern aus China überschwemmt werden und der lokale Markt zusammenbrechen.

Noch bietet sich das Aruntal aber als Ziel für jene Trekker an, die dem Rummel im Khumbu entgehen wollen und dafür bereit sind, auf den Komfort von Lodges zu verzichten. Ausgangspunkt der Tour mit Zelt und Schlafsack zum Base Camp unter dem Makalu ist das kleine Flugfeld von Tumlingtar, das von Kathmandu aus mit kleinen Propellermaschinen angeflogen wird. Die für durchschnittliche Bergwanderer problemlos machbare Tour zu dem mit 8.463 Meter fünfthöchsten Berg der Erde sollte auf zehn Tage angelegt werden. Die Reisezeit wird vom Monsun diktiert: März, April und Oktober, November sind die besten Monate.

Dieser Weg zum "großen Schwarzen", wie der Makalu aus dem Sanskrit übersetzt heißt, ist jener, den auch die Expeditionen zu den Bergriesen zwischen Everest und Kanchenjunga als Anmarsch wählen. Im Frühjahr wird sich eine Gruppe der oberösterreichischen Naturfreunde zum 1955 von Franzosen erstmals bestiegenen Makalu auf den Weg machen. Die Route führt anfangs über gute Wege durch Reisfelder und Dschungel. Der Wanderer hat vor allem mit der Hitze und unzähligen Blutegeln zu kämpfen.

Linderung bringt erst die Höhe. Hinter dem letzten Dorf am Weg, Tashi Gaon auf 2.200 Meter, beginnen sich die Nebelwälder zu lichten und gehen langsam in die Region der Hochalmen und lichten Wälder aus Himalaya-Tannen über. Da wird es Zeit, an die Akklimatisation zu denken. Denn bei der Überschreitung des nach dem britischen Expeditionsbergsteiger Eric Shipton benannten Shipton-Pass erreicht man immerhin schon über 4.100 Meter.

Kurz vor dem Ziel ist Shershon die letzte Hochalm. Rund um diese Yakweide auf 4.700 Meter Seehöhe stehen grandiose Fels- und Eisriesen. Dominiert wird die Kulisse vom Gipfel des Makalu, der seine Nachbarn um bis zu zwei Kilometer überragt. Den vergleichsweise bescheidenen Sechstausendern blieben da auch nur profane Vermessungsnamen: Peak 3, 5, 6 und 7. Thomas Neuhold

Infos: Trekkingtouren ins Aruntal Nepal bietet die Alpinschule "Die Bergspechte" an. Tel. 0732 / 77 93 11 oder www.bergspechte.at

Share if you care.