Analphabetismus in Österreich: Grazer Verein möchte Tabu brechen

12. Februar 2001, 09:52

Schätzungsweise 300.000 Analphabeten - Nun soll erstmals Studie Auskunft über konkrete Zahlen geben

Graz - Analphabetismus ist nicht nur ein Problem der Dritten Welt: In den Industrieländern sind laut einer einer OECD-Studie rund 200 Millionen Menschen vom funktionalen Analphabetismus betroffen - österreichweit wird die Zahl jener, die Schwierigkeiten haben, einen alltäglichen Text zu lesen bzw. zu schreiben, auf 300.000 Personen geschätzt. Genau weiß das allerdings niemand, weil österreichweit noch nie eine empirische Studie in diese Richtung durchgeführt wurde, so Otto Rath, der Leiter des Grazer Vereines für innovative Sozialprojekte (ISOP), im Gespräch mit der APA.

"Während man sich in Deutschland schon seit den achtziger Jahren um die Förderung erwachsener Analphabeten kümmert, ein Bundesverband zum Fachkreis Alphabetisierung gegründet wurde, und die Initiativen auch mit finanziellen Mitteln ausgestattet werden, weiß man in Österreich noch nicht einmal, wie groß die betroffene Personengruppe ist", so Rath. Sein Verein betreut seit zwei Jahren von Graz aus rund 30 steirische Analphabeten.

Es fehlt auch eine zentrale Stelle, die sich sowohl um die Weiterbildung der Betroffenen als auch ihrer Trainer, um Forschung in diesem Bereich, neue Unterrichtskonzepte und nicht zuletzt eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit für die Probleme und Anliegen von funktionellen Analphabeten kümmern würde, so Rath. Nun gehe es darum, die Tabuisierung dieses Themas zu überwinden, den Status Quo zu erheben und sich Gedanken zu machen, wie man konkrete Verbesserungen herbeiführen könnte.

Im Rahmen einer Grazer Veranstaltung will man am kommenden Freitag, 16. Februar, erstmals steirische Politiker mit den Grazer Experten und dem Geschäftsführer des Deutschen Bundesverbandes Alphabetisierung, Peter Hubertus, an einen Tisch bringen, um künftige Schritte zu diskutieren und Perspektiven für Österreich und die Steiermark zu entwickeln.

So genannte funktionelle Analphabeten sind Menschen, für die trotz der Absolvierung der Volksschulausbildung Zeitungs- und Buchtexte so wenig verständlich sind wie chinesische Schriftzeichen. Für die Betroffenen bedeutet dies gravierende soziale Konsequenzen, die von Schwierigkeiten in der Bewältigung des Alltags über Nachteile am Arbeitsmarkt bis zum Rückzug aus der öffentlichen Kommunikation und der Teilnahme an demokratischen Bürgerrechten reichen können, so Rath.

Die Ursachen für funktionellen Analphabetismus sind vielfältig. Häufige Gründe sind Fehlzeiten in den ersten Schuljahren und ungünstige familiäre Bedingungen, so dass die Kinder meist sich selbst überlassen werden, keine Hilfe bei den Hausaufgaben finden und generell keine Leseimpulse erhalten. Es können aber auch unentdeckte und nicht therapierte gesundheitliche Störungen dazu führen, dass jemand nicht ausreichend Lesen oder Schreiben lernt. (APA)

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    foto: standard/cremer
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