First Lady im Schatten des Berühmten

10. Februar 2001, 16:00

Präsidentengattin Ludmila Putina

Von seinen Imagemakern hatte der gesichtslose ehemalige Geheimdienstagent Wladimir Putin den dringenden Rat erhalten, mehr seine menschliche Seite zu zeigen. Am Neujahrstag 2000, einen Tag nach seiner Ernennung zum russischen Interimspräsidenten als Nachfolger Boris Jelzins, zeigte sich Putin erstmals mit seiner Frau.

Es war auf einer Reise an die Kriegsfront in der Kaukasus-Republik Tschetschenien. Die zierliche blonde Ludmila trug den gleichen weißen Rollkragenpullover wie ihr Mann. "Wir verbringen Neujahr immer zusammen", war Putins trockene Erklärung dafür, warum seine Frau ausgerechnet unter diesen ungewöhnlichen Umständen erstmals in der Öffentlichkeit auftrat.

Die 43-jährige Mutter der beiden Töchter Katja (15) und Maria (14) gilt als bescheiden und ebenso introvertiert wie ihr Mann. Auch Ludmila stammt aus einfachen Verhältnissen. Sie wuchs in der russischen Exklave Kaliningrad, dem früheren deutschen Königsberg, auf. Ihre Mutter war Kassierin. Ludmila brach ein Studium an der Technischen Fachhochschule ab, arbeitete als Postbotin, Krankenschwester und Stewardess. Bei einem Stopover in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, lernte die damals 22-Jährige 1980 einen "bescheidenen, fast ärmlich gekleideten, unattraktiven Typ" kennen, wie sie den ersten Eindruck von ihrem künftigen Mann beschreibt. Der junge KGB-Offizier imponierte ihr durch innere Kraft und Selbstbeherrschung.

"Ich bin keine Feministin"

1983 heirateten sie und lebten bis 1986 bei Putins Eltern in einer 27 Quadratmeter großen Zweizimmerwohnung. Auf Anregung ihres Mannes studierte sie an der Philologischen Fakultät der Leningrader Universität Spanisch und Französisch. Die Aufnahmeprüfung für Deutsch misslang. Fließend Deutsch zu sprechen lernte Frau Putina in Dresden, wo ihr Mann als Geheimdienstagent stationiert war, in einer bis heute unbekannten Rolle.

Heute ist Ludmila die Frau an der Seite eines Präsidenten, der in Russland als das Idol des kleinen Mannes aufgebaut wurde. "Ich bin keine Feministin", sagt sie über sich selbst. Das heißt in Russland: sich mit den Kindern beschäftigen, das Geld verwalten und den Mann unterstützen.

Offen hat Ludmila Putina auch erklärt, dass sie sich für die Politik, die für sie langweilig sei, überhaupt nicht interessiere. Sie will keine Raissa Gorbatschowa werden, die im Volk unpopulär wurde, weil sie sich zu stark im Rampenlicht der Öffentlichkeit zeigte.

Von der Deutschlehrerin ihrer Töchter soll Frau Putina ein Buch in deutscher Sprache erhalten haben. Es trägt den Titel: Das Schicksal der begabten Frauen - im Schatten berühmter Männer. In dieser Rolle dürfte sich Russlands neue First Lady wohl am ehesten zu Hause fühlen.

(Roman Berger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.02.2001)

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