Ein Insel-Dasein wie im Container

9. Februar 2001, 20:30

Über die mögliche Vergiftung Napoleons und den langen Schatten des Bonapartismus

Nachdem Napoleon am 18. Juni 1815 die entscheidende, die letzte Schlacht bei dem belgischen Städtchen Waterloo im Süden von Brüssel verloren hatte, herrschte eine sonderbare Unklarheit darüber, was nun eigentlich geschehen solle. Tage-, ja wochenlang zog der Exkaiser mit seinem immer noch beachtlichen Gefolge umher, während sich in Frankreich eine provisorische Regierung bildete. Manche seiner Getreuen rieten ihm zur Flucht nach Amerika - immerhin lagen im Hafen von La Rochelle zwei Fregatten, die wegen ihrer Wendigkeit sogar gute Chancen hatten, die Küstenblockade der Engländer zu durchbrechen. Napoleon tat, was sonst nicht seine Sache war: Er zögerte und grübelte. Eine Weile hegte er die geradezu absurde Illusion, er würde von seinen siegreichen Feinden freies Geleit bekommen oder wenigstens auf einem Schloss in der Nähe von London untergebracht werden. In der Tat herrschte auch auf deren Seite eine sonderbare Unklarheit darüber, was mit dem Mann, der ganz Europa umgegraben hatte - politisch, gesellschaftlich und kulturell -, nun eigentlich geschehen solle.

An dieser Stelle der Geschichte setzt der Bismarck-Biograf und Exkulturchef der Süddeutschen Zeitung Johannes Willms mit seinem Buch "Napoleon. Verbannung und Verklärung" ein - einem Buch, das durch die zufällige Koinzidenz mit einem in Frankreich entbrannten Gelehrtenstreit eine gewisse Aktualität bekommt. Denn ein angeblicher Aktenfund auf einem Dachboden hat den schon seit langem geäußerten Vermutungen, dass Napoleon vergiftet wurde, neue Nahrung gegeben. Willms hält von der These nichts, aber dass er sie nicht einmal erwähnt, obwohl es eine üppige Literatur darüber gibt, macht seine Darstellung nicht unbedingt vertrauenswürdig.

Nebensächlich ist die Frage allerdings nur, wenn man sich - wie Willms - weniger für die konkret-faktische Seite von Geschichte als für ihren ideologischen Überbau interessiert. Deswegen nimmt der Teil seines Buchs, der von Napoleons Nachwirkungen handelt, weitaus mehr Raum ein als die Beschreibung der sechsjährigen Verbannung auf Sankt Helena, jener Insel im Atlantik zwischen Südafrika und Südamerika, 1800 Kilometer Luftlinie von der einen Küste und 3500 von der anderen entfernt, wohin der Kaiser, der auf diesem Titel immer noch beharrte, als Gefangener der Engländer gebracht wurde.

Am 15. Oktober kam er auf dem entlegenen Eiland an, zusammen mit einem kleinen Hofstaat, bestehend aus ein paar Generälen, deren Frauen, einem Leibarzt und zwölf Domestiken. Sie alle waren ihrem geliebten Führer und Idol freiwillig gefolgt, allerdings unter der Bedingung, dass niemand ohne Erlaubnis der englischen Regierung und des Kaisers die Insel verlassen dürfe. Das heißt, die kleine Community war dort in Longwood House auf Gedeih und Verderb miteinander gefangen - und zwar im Unterschied zu den Insassen des "Big Brother"-Containers nicht für vorbestimmte Zeit, sondern für immer. Genauer: Solange Napoleon lebte.

Hier knüpfen nun Spekulationen darüber an, ob jemand vielleicht beim Sterben etwas nachgeholfen habe - und der schwerwiegendste Verdacht fällt auf General Charles de Montholon, den Mann, der während des Aufenthaltes auf Sankt Helena Napoleons Lieblingsjünger und schließlich auch Haupterbe seines immer noch beachtlichen Vermögens wurde. Montholons Gemahlin Albine gehörte zu den wenigen Frauen im Sankt-Helena-Exil, bis sie schwanger wurde und nach Europa reiste. Dass Napoleon und sie große Zuneigung füreinander empfanden, ist dokumentiert. Und die Vermutung, dass sie das Kind, das in Brüssel zur Welt kam und dort früh verstarb, von Napoleon empfangen hatte, liegt nicht gerade fern.

Doch solche Spekulationen sind Willms' Sache nicht. Stattdessen bietet er einen ideengeschichtlichen Abriss über den Bonapartismus und seine langen Schatten, die bis zur politischen Symbolik von de Gaulle und Mitterrand reichen. In der Tat lässt sich manches in der französischen Politik bis heute nur verstehen, wenn man dieses personalistische, diktatoriale Erbe Napoleons als Deutungsmuster nimmt. Schon die Einordnung dieser Tradition nach Kategorien wie "links" und "rechts" fällt schwer; Napoleon fühlte sich allemal als Repräsentant und Vollender der Revolution, zugleich führte er sich als machtgieriger Egoist auf, der die Rechte der Völker missachtete.

Dass er später als Überwinder der Gegensätze, als Wegbereiter Europas, als Genius des Staatsrechts verehrt und verherrlicht werden würde, ahnte und predigte er selbst; vor allem wusste er, dass sein Nachruhm in seinem Martyrium auf Sankt Helena begründet lag. Nur weil er krank in der Verbannung starb, konnte seine Verklärung zu einer der berühmtesten Gestalten der Menschheitsgeschichte gelingen. Doch bei aller theoretischen Ausführlichkeit bleibt Willms' Haltung zu seinem Helden merkwürdig blass. Man muss ja nicht selbst Bonapartist sein, um über diesen Bonaparte etwas saftiger und spritziger zu schreiben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11. 2. 2001).

Von Burkhard Müller-Ullrich

Johannes Willms, Napoleon. Verbannung und Verklärung.

öS 361,-/EURO26,23

346 Seiten

Droemer, München 2000.
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