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9. Februar 2001, 20:39

Über die Konjunktur der Fotografie - Eine Bestandsaufnahme mit den beiden Fotoexperten Monika und Johannes Faber

Kaum eine andere Kunstsparte hat in den vergangenen Jahren eine solche Konjunktur erlebt wie die Fotografie. Eine Bestandsaufnahme und Analyse liefern die beiden - weder miteinander verwandten noch verschwägerten - Wiener Fotoexperten Monika Faber, Chefkuratorin an der Albertina, und der Galerist Johannes Faber im Gespräch mit Doris Krumpl und Gert Walden.


STANDARD: Ende der Sechzigerjahre kostete das Foto "Die Welle" von Gustave Le Gray 17 US-Dollar, heute ist es das teuerste Lichtbild der Welt mit einem Verkaufspreis von 12,5 Millionen Dollar. Wie erklären Sie sich diese sensationelle Entwicklung?

Johannes Faber: Die Fotografie als Wertanlage ist eigentlich eine bis heute nicht unterbrochene Erfolgsgeschichte. Seit den frühen Siebzigerjahren hat sich international, von Österreich einmal abgesehen, ein Markt entwickelt, der bisher keine Einbrüche verzeichnet hat.

STANDARD: Welche Grundlagen besonders in Hinsicht auf die Infrastruktur waren nötig, um überhaupt die Fotografie marktfähig zu machen?

Monika Faber: Man darf, historisch betrachtet, nicht vergessen, dass bis in die Sechzigerjahre die Fotografiegeschichte gleichbedeutend mit der Technikgeschichte des Mediums war. Wesentlich beigetragen haben zu dieser Entwicklung vor allem Künstler, die das Medium in ihre Arbeit integriert haben. So habe ich etwa meine Dissertation über die "Portraitfotografie zwischen 1890 und 1930" vor allem deshalb am Wiener kunsthistorischen Institut schreiben können, weil ich auf die Verwendung der Fotografie durch die impressionistischen Maler verweisen konnte. Es war übrigens die erste kunsthistorische Dissertation über Fotografie in Österreich - und das im Jahr 1978.

J. Faber: Meine Erfahrung als Händler und Fotograf haben mir eines gezeigt. Um einen Markt aufbauen zu können, bedarf es zunächst einmal der Institutionen, die sich mit Fotografie beschäftigen. Also Kunsthistoriker, Museen und Galerien. Wenn heute die Fotografie gerade in den Vereinigten Staaten eine solche Akzeptanz und Preisentwicklung aufweist, darf man einfach nicht vergessen, dass es seit 1936 am Museum of Modern Art eine eigene Abteilung für Fotografie gibt und landesweit über 300 Museen sich des Themas annehmen. Erst mit der Aufarbeitung der Fotografie, unabhängig von ihrer Technikgeschichte, erlangt die Fotografie Bedeutung als künstlerisches Medium, von der auch die Händler profitieren.

STANDARD: Kann man also von einem pulsierenden "Goldenen Dreieck" aus Fotografen, Händlern und Vermittlern sprechen, das zur gegenwärtigen Popularität des Mediums beiträgt?

M. Faber: Derzeit auf jeden Fall, doch das neue Interesse an Fotografie hat verschiedene Ursachen. Da sind einmal die Einsteiger, die sich die Spitzenwerke der bildenden Kunst nicht leisten können und daher auf die Fotografie umschwenken. Denn dort ist hohe Qualität vergleichsweise noch erschwinglich. Auch glaube ich, dass in den kommenden Jahren mit Preiseinbrüchen nicht zu rechnen ist, wie sie in der Druckgrafik der Siebzigerjahre stattgefunden haben. Topqualitäten werden immer seltener, wie die Auktionen zeigen, und damit steigen die Preise weiterhin, wenn man an den eingangs erwähnten Le Gray denkt.

STANDARD: Apropos Qualität und Quantität. In fast jedem Auktionskatalog ist Man Rays Fotografie von Meret Oppenheim zu sehen. Wie verhält sich die Entwicklung der Auflagen, die gerade die beginnenden Sammler immer wieder irritiert?

J. Faber: Es gibt Fotografien, die eine Tausender-Auflage erreichen, wie etwa Anselm Adams' berühmter "Half Dome". Es ist also nicht unbedingt das Problem der Stückzahlen, wenn ein Markt für solche Auflagen vorhanden ist. Aber es ist eine Frage, welcher Preis für die jeweiligen Stücke dann bezahlt wird. Heute üblich sind Auflagen mit 30 oder 40 Abzügen. Wichtig für die Preisgestaltung ist aber auch der Entstehungszeitpunkt und der Erhaltungszustand der Fotografien. Am teuersten sind immer die so genannten "vintage prints", die vom Fotografen unmittelbar nach der Aufnahme angefertigt worden sind. Dann kommen in der Preishierarchie die "modern prints". Das sind solche Abzüge, die der Fotograf zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt hergestellt hat. Ja und dann gibt es noch, wie Monika erwähnt hat, die posthumen Editionen. Ein Phänomen, das es nur in der Fotografie gibt.

STANDARD: Wie erklären Sie sich die inflationäre Schwemme im Bereich der größtformatigen Farbfotografie, die speziell auf Kunstmessen gezeigt wird und mit Thomas Struth, Nan Goldin oder Cindy Sherman begonnen hat?

M. Faber: Dabei handelt es sich wohl um eine Modeerscheinung. Denken Sie etwa an die Neuen Wilden der frühen Achtzigerjahre. Wer ist davon übrig geblieben? Auf der Kunstmesse art forum in Berlin macht die Fotografie mehr als achtzig Prozent der Exponate aus, während in Wien der Galerist Johannes Faber in Wien immer wieder gefragt wird, ob er der Künstler sei. Mit der Rasanz der Vereinnahmung drängt sich auch die Mode- und Werbewirtschaft in die künstlerische Fotografie. Ideen, selbst wenn sie sich gegen diese Branche richten, werden besonders gern aufgesogen. Dazu bedarf es aber auch der entsprechenden Medien. Einen Wolfgang Tillmans findet man in den einschlägigen Zeitschriften, den Wiener Leo Kandl kann man auf diese Weise nicht vereinnahmen, weil es hierzulande schlichtweg keine mediale Öffentlichkeit dafür gibt.

STANDARD: Damit wären wir bei einem Thema, das Sie beide, den Galeristen und die Museumskuratorin, betrifft. Wie verhalten sich die Dinge in Österreich?

J. Faber: Das Interesse steigt, in meiner Galerie habe ich rund zwanzig bis dreißig Stammkunden. Dennoch muss ganz klar festgehalten werden, dass Österreich zum Schlusslicht in Sachen Fotografie innerhalb der westlichen Kulturnationen zählt. Es gibt bisher noch keine Ausbildungsstätte für künstlerische Fotografie. Im Galerienbetrieb hat zwar Anna Auer mit ihrer Wiener Galerie "Brücke" in den Siebzigerjahren Pionierarbeit geleistet, aber der Aufbau einer musealen Infrastruktur hat dann erst wesentlich später stattgefunden.

STANDARD: Frau Faber, Sie bauen derzeit als Chefkuratorin der Albertina in Wien eine Fotografiesammlung auf. Welche Arbeiten erwerben Sie, und wo tun Sie das?

M. Faber: Für die Albertina kaufen wir auf Messen und bei Händlern. Das Budget der Albertina fließt derzeit zur Hälfte in die Fotografie.

STANDARD: Auf welche Bestände können Sie in der neuen Sammlung zurück greifen?

M. Faber: Wir haben zunächst einmal als Dauerleihgabe die Sammlung der Höheren Grafischen Lehr- und Versuchsanstalt, die österreichische und internationale Fotografie von der Frühzeit bis in die Zwanzigerjahre umfasst. Dann gibt es noch den Bestand der Albertina selbst. Auch befindet sich die Fotosammlung der österreichischen Ludwig-Stiftung in unserer Obhut. Zeitgenössische österreichische Fotografie ist für uns nicht ganz so wichtig. Die wird im Salzburger Rupertinum kontinuierlich gesammelt. Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht dieser Arbeiten annehmen würden. Auf der internationalen Ebene haben wir gerade Fotografien von Lisette Model, Allan McCollum, Robert Frank und William Klein erworben.
(DER STANDARD, ALBUM, Print-Ausgabe, 10./11. 2. 2001)

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