Handymanie und andere Unsitten

31. August 2001, 14:20
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Der Irrglaube an die eigene Unentbehrlichkeit

Jeder von uns kennt die Situation: Am Nebentisch läutet das Handy und der Angerufene beginnt mit erhobener Stimme zu quatschen, weil man beim Telefonieren offensichtlich immer lauter sprechen muss als sonst. Die umsitzenden Tischnachbarn schicken ihre missbilligenden Blicke in Richtung "Telefonzentrale", schütteln ihre Köpfe und fragen sich berechtigt, ob das denn notwendig sei. Nein, ist es nicht! Business lunch und Handy vertragen sich nicht miteinander.

Es ist ein glatter Affront Ihrem Gast gegenüber, wenn Sie Ihr Mobiltelefon beim Essen nicht ausschalten. Denn: Mit der Entgegennahme eines Telefongespräches signalisieren Sie Ihrem Gast unwillkürlich, dass nicht "er" das Wichtigste in diesem Moment ist. Außerdem bieten die Netzbetreiber perfekte Mobilbox-Dienste, wodurch Ihnen kein Anruf, keine Begehrlichkeit und kein Auftrag entgehen kann.

Die "Handymanie" widerspiegelt bei den meisten den Irrglauben an die eigene Unentbehrlichkeit. "Früher" hat das wenigstens noch Gesellschaftswitz gehabt, wenn der Page des Grandhotels mit einer Tafel durch`s Restaurant schritt, mittels der er den "Generaldirektor, Kommerzialrat, DDr. XY" zum Telefon bat. Damit verlieh "der Gesuchte" seiner Anwesenheit höhere Bedeutung und ging sicher, dass jeder im Hotel wusste, wer er sei.

Heute sind diese Egoszenarien abgelöst worden von den Telefonierern am Nebentisch, die den business lunch mit ihrem Büro verwechseln.

Viele Restaurants haben daher am Eingang bereits ein großes Schild angebracht, wo "ebensolches" am Tisch untersagt wird. Halten Sie sich daran und vermeiden Sie peinliche Szenen mit verärgerten Tischnachbarn, die Ihrem business lunch einen unnötigen Negativ-Touch geben.

Nicht weniger störend ist die Qualmerei am Tisch, wenn man selbst Nichtraucher ist. Als rauchender Gastgeber ist es eine Zumutung für den nichtrauchenden Gast, einen "Tschik" nach dem anderen zu "vertilgen". Da nützt auch ein "... es stört Sie hoffentlich nicht, wenn ich rauche" nichts. Natürlich stört es und natürlich gehört es sich nicht!

"Umgekehrt" jedoch ist fast alles erlaubt. Also, wenn Ihr Gast rauchen will, nehmen Sie es selbstverständlich elegant hin. Dann ist es auch kein Problem, mitzuqualmen. Dann haben eben beide "Smoke in their eyes" und dagegen ist nichts einzuwenden.

Schwierig wird es allerdings, wenn sich auch "bei uns" endlich die Sitte durchsetzen wird, in Restaurants die Smoker von den Nonsmokern zu trennen und bei z. B. vier Gästen die Hälfte "es tut" und die andere Hälfte nicht. Dann siegen in der Regel die Nichtraucher und verhelfen so den Nikotinfreunden zu einem neuartigen, "reinen", olfaktorischen business lunch-Genuss "ohne Rauch".

(DER STANDARD; Print-Artikel, 10.2.2001)

Von Wolfgang Rosam
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