"Meine Hände waren so aufgesprungen, dass sie bluteten"

9. Februar 2001, 14:29

Rund 15.000 Frauen warten auf Wiedergutmachung - Männer erhielten sie für Zwangsrekrutierungen im Zweiten Weltkrieg

Straßburg - Es gibt Dinge, die Germaine Rohrbach nie vergessen wird. Etwa, wie sie als 17-Jährige mitten im Winter bei Frost am Hofbrunnen Wäsche waschen musste. "Meine Hände waren so aufgesprungen, dass sie bluteten", erinnert sich die Elsässerin an ihre ersten Monate beim Reichsarbeitsdienst (RAD). Die heute 74-Jährige ist eine von rund 15.000 Frauen aus dem damals von Nazi-Deutschland annektierten Elsass und Ost-Lothringen, die 1941 und 1942 in den RAD oder den Kriegshilfsdienst (KHD) eingezogen wurden.

Viele von ihnen mussten unter extrem harten Bedingungen in unterirdischen Bunkern arbeiten, wo Sprengsätze und andere Munition für die Wehrmacht hergestellt wurden. Doch im Gegensatz zu den Männern aus der Grenzregion, die während des Zweiten Weltkriegs als Zwangsrekrutierte in deutscher Uniform kämpfen mussten, warten die Frauen bis heute vergeblich auf Wiedergutmachung. "Was wir fordern, ist eine Anerkennung des uns zugefügten Unrechts", betont Rohrbach. Sie ist Vorsitzende einer Vereinigung ehemaliger Zwangsrekrutierter von RAD und KHD aus Ostfrankreich.

Männer entschädigt

Zuständig dafür ist die Stiftung deutsch-französische Verständigung, die 1984 auf Grund eines bilateralen Abkommens gegründet und von Deutschland mit 250 Millionen Mark (127,8 Mill. Euro/1,76 Mrd. S) ausgestattet wurde. Bisher hat sie über 80.000 noch lebende "malgre-nous" ("Gegen unseren Willen") entschädigt, wie sich die in die Wehrmacht gezwungenen Elsässer und Lothringer nennen. Jeder von ihnen erhielt 9.100 Franc (1.387 Euro/19.089 S) für die Monate oder Jahre, die er auf dem Feld und oft später in russischer Kriegsgefangenschaft zubringen musste.

Die betroffenen Frauen dagegen gingen bis heute leer aus. Die Stiftung verweist auf ihre Geschäftsordnung, die die Entschädigung den zwangsrekrutierten Wehrmachtsoldaten vorbehalte - obwohl ein französisches Gesetz von 1953 ausdrücklich feststellt, dass Zwangsarbeit beim RAD oder KHD dem Einsatz der "malgre nous" gleichzusetzen ist. Dies sei beim Verfassen der Stiftungsordnung einfach "vergessen" worden, meint deren Vorsitzender, der frühere französische Staatssekretär für Kriegsveteranen, Jean Laurain. Er räumt ein, dass das deutsch-französische Abkommen die Wiedergutmachung nicht auf ehemalige Soldaten beschränkt.

"Finanzen fehlen"

Laurain schlug daher vor zwei Jahren vor, das Versäumte nachzuholen und auch die "malgre-elles" ("Gegen ihren Willen") zu entschädigen. Nach seinem Vorschlag sollte die Stiftung rund 20 Millionen Franc zur Verfügung stellen - allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die Pariser Regierung den gleichen Beitrag beisteuert. Dies lehnt der für Kriegsveteranen zuständige Staatssekretär im Pariser Verteidigungsministerium, Jean-Pierre Masseret, bisher ab - mangels Finanzen, wie er betont.

Die Frauen sehen darin freilich nur ein durchsichtiges Manöver: Das Verteidigungsministerium habe immer alles daran gesetzt, die Gelder der Stiftung nur den zwangsrekrutierten Männern zukommen zu lassen, mutmaßt Germaine Rohrbach. In Briefen an den Pariser Regierungschef Lionel Jospin sowie die Ministerien für Inneres und Justiz fordert die streitbare 74-Jährige eine Überprüfung der Stiftungsgelder. Die Stiftung habe erst kürzlich 300 Quadratmeter große neue Büros in Straßburg bezogen und wolle sich außerdem an einer deutsch-französischen Begegnungsstätte in Berlin beteiligen, moniert Rohrbach. "Die haben Geld für Immobilienprojekte, aber nicht für uns."

Ein Sprecher der Stiftung, die in Straßburg sieben Mitarbeiter beschäftigt, weist die Vorwürfe zurück. Die Einrichtung habe nicht nur die Aufgabe der Entschädigung, sondern solle laut Satzung auch die deutsch-französische Verständigung fördern. Dazu werde die Berliner Begegnungsstätte dienen. (APA)

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    foto: liselotte purper
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