Aussagekräftige Fellzeichnungen

27. März 2005, 01:08

"102 Dalmatiner" kehren ins Kino zurück

Wien - Der Irrsinn eines Unterfangens verbirgt sich im Detail, im (fehlenden) schwarzen Fleck des Dalmatiners gewissermaßen. Die Macher von 102 Dalmatiner, dem von Kevin Lima inszenierten Sequel zur erfolgreichen Disney-Realverfilmung aus dem Jahr 1996, die wiederum dem Zeichentrickfilm-Klassiker von 1961 folgte, hielten sich ganze 18 Monate damit auf, Nullpunkt mit digitalen Retuschen strahlend weiß zu waschen.

Nullpunkt, so lautet der Name einer Dalmatinerwelpe, die im Gegensatz zu ihren beiden Geschwistern keinen der charakteristischen Flecken aufweist - und damit bei Cruella da Vil (abermals hysterisch verkörpert von Glenn Close) einerseits Ekel hervorruft, durch diesen Mangel aber zugleich vor ihrer Obsession geschützt ist: Denn die Flecken machen für sie den Hundepelz ja erst so dekorativ.

Entgegen der Einsicht, dass ein ehrgeiziges Projekt verfolgt, wer sich derart rigoros einer Kleinigkeit widmet, ist 102 Dalmatiner ansonsten nur redundant. Bei Cruella bricht nach einer dubiosen Verhaltenstherapie, die sie nur vorübergehend von ihrer Manie befreit und in ihr die Wohltäterin erweckt, schließlich die alte Charakterschwäche wieder hervor. Eine Szene lang erscheint ihr ganz London in Dalmatinertracht - Big Ben und Co. somit in Weiß mit schwarzen Punkten -, was dem Film für einen kurzen Moment eine wahnhafte visuelle Färbung gibt, die ihm andernorts völlig fehlt.

Die Schauplätze in London und Paris gleichen nämlich meist Postkartenidyllen, in strahlenden bunten Farben leuchtend wie die V-Pullover von Kevin (Ioan Gruffudd) und Chloe (Alice Stevens), den biederen tierliebenden Hundebesitzern, die dadurch schon optisch Cruellas Extravaganz konterkarieren.

Anthony Powell hat erneut die Kostüme kreiert, die ihren Hang zum Luxus mit moralischer Verderbtheit gleichsetzen, und durch Fellunterhosen ergänzt, in denen Gérard Depardieu als ihr Verbündeter einen mehr als peinlichen Gastauftritt absolviert. Es ist schließlich das äußere Erscheinungsbild, in dem sich die Disney-Ideologie offenbart. Nichts darf sich darin anders entwerfen, als es qua Natur bestimmt ist: Ein Ara, der sich für einen Rottweiler hält, erkennt in sich zuletzt den Vogel. Und auch Nullpunkt bekommt zuletzt seine Flecken.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 2. 2001)

Von
Dominik Kamalzadeh

Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.