Zwischen Seifenoper und Jammertal

5. Februar 2001, 22:27

Salzburger Philologen versammeln sämtliche Liedertexte und Melodien des populärsten mittelalterlichen Liedermachers deutscher Sprache.

Salzburger Philologen versammeln in einer Neuedition erstmals sämtliche Liedertexte und Melodien des populärsten mittelalterlichen Liedermachers deutscher Sprache 300 Jahre lang spielte sich in zahllosen Variationen die gleiche Szene ab: Ein lachendes, schäkerndes, schubsendes Publikum fordert vom Sänger auf dem Podium: "Einen Neidhart! Neidhart!" Sowie dann der Barde auf der Fiedel oder Leier die ersten Takte der schwungvollen Melodie erklingen lässt, verstummt die Menge. Was immer nun folgen mag - die Schilderung einer wilden Bauernrauferei oder ein zweideutiger Liebesdialog - es wird sicher spannend.

Auf diese Weise wurde der Name des in der ersten Hälfte des 13. Jahrhundertes durch Bayern, Salzburg und Österreich ziehenden Sängers Neidhart, genannt "der Reuentaler", zum Markenzeichen. Wohl sind Walther von der Vogelweide oder Oswald von Wolkenstein im heutigen Bewusstsein präsenter als Neidhart, doch waren sie im Mittelalter bei weitem nicht so populär, weshalb Walther sich einmal sogar zu einem Seitenhieb hinreißen ließ gegen jene, die "dörperlich" singen - Dörper sind die Bauerngestalten in Neidharts Liedern.

In den folgenden Jahrhunderten sollte der Beneidete es darüber hinaus zum Romanhelden und zu einer Reinkarnation in der Gestalt des Wiener Hofschalks Neidhart Fuchs bringen. Seine Lieder hatten einen festen Platz im Repertoire von Bänkelsängern und Hofnarren und unterlagen einem natürlichen Prozess der Weiterentwicklung, Veränderung und Nachdichtung. Philologen waren deshalb traditionell der Auffassung, dass ein Großteil der in 26 Handschriften und drei frühen Drucken überlieferten 1500 Liedstrophen samt zugehörigen 55 Melodien als unechte "Pseudo-Neidharte" keine wissenschaftliche Beachtung verdienten.

Einem Philologen-Team der Universität Salzburg um die Germanistikprofessoren Ulrich Müller und Franz Spechtler erschien es unwahrscheinlich, dass 60 Prozent der erhaltenen Neidhart-Lieder Epigonenwerk sein sollten. Verschiedenste Indizien sprachen dagegen. So etwa war klar, dass die Herausgeber der heute noch autoritativen Haupt-Wießner-Ausgabe von 1858 und 1923 Zensur betrieben und frivole Neidhart-Strophen aus ihrem Kanon verbannt hatten als "Schmutz, ... den kein Verständiger (dem) Reuental für eigen halten kann". Ein neuer Blickwinkel auf das meistverbreitete Werk mittelalterlicher Lyrik, das als Einziges in den frühen Buchdruck Eingang fand, war also nötig.

One-Man-Show

In 15-jähriger Kleinarbeit verglichen, übersetzten und kommentierten die Wissenschafter seither die verschiedenen Fassungen von Neidhart-Texten aus allen Quellen und unterlegten die jeweils passenden Melodien. Die einfachen, aber zündenden Motive sind mit Koloraturen oder andere Klangfiguren aufgepeppt und halten sich an den Sprechrhythmus. Mit der im nächsten Jahr erscheinenden vierbändigen Neuedition der Neidhart-Lieder ist das Werk vollendet, das, wie Müller hofft, "eine Grundlage für die Neidhart-Forschung der nächsten 200 Jahre" sein könnte.

Da im Mittelalter nur die Lebenswege der Herrschenden dokumentiert wurden, ist über Neidharts Leben trotz seines Ruhms wenig bekannt. Nur in den eigenen Liedern findet sich manchmal ein Hinweis. Um 1170 in Bayern oder vielleicht auch in Salzburg geboren, dürfte er an einem Kreuzzug teilgenommen haben und um 1240 in der Wiener Gegend, möglicherweise in Mödling, gestorben sein. Viele Jahre verbrachte er auf Wanderschaft, hatte aber meistens einen Fürstenhof als Lebensmittelpunkt - erst Landshut, dann vorübergehend Salzburg und in den letzten Lebensjahrzehnten Wien. Je nach Publikum variierte er seine Gedichte. So ließ sich mit wenigen Handgriffen ein Loblied auf Herzog Friedrich II. auf Kaiser Friedrich II. ummünzen. Einmal waren seine Dörper tatsächliche Bauernrüpel, ein anderes Mal dürftig getarnte Spottbilder des Adels. Einige Standardfiguren ließ Neidhart in seiner One-Man-Show immer wieder auftreten und erzielte damit einen Wiedererkennungseffekt.

So wie das Volk den Humor seiner Schwänke genoss, ließ sich die reiche Gesellschaft an den Fürstenhöfen in Neidharts Seifenopern mit Vergnügen den kritischen Spiegel vorhalten. Denn obwohl er als vermutlich nicht adeliger Ritter kein Angehöriger der Herrenschicht war, identifizierte er sich mit der alten feudalen Ordnung, die ins Wanken geraten war. Die Fürsten trauten ihren Adeligen nicht mehr und rekrutierten Heere aus der Bauernschaft. Die Städter wurden immer reicher, den Grundherren fehlte es an Liquidität.

Die Neuauflage der Neidhart-Lieder wurde nicht bewusst in den aktuellen Mittelalterboom hineingesteuert. Doch machte Neidhart in diesem Zusammenhang schon vor einigen Jahren von sich reden, als nämlich der deutsche Schriftsteller Dieter Kühn in seinem Porträt des Sängers die Welt des 13. Jahrhunderts in bunten Farben wiedererstehen ließ. Das ändert nichts daran, dass die dem Boom zugrunde liegende Sehnsucht nach einer versteh-und durchschaubaren Welt von Neidharts Vieldeutigkeit zwangsläufig enttäuscht wird. Das wiederum passt genau ins Bild des widersprüchlichen Ritter-Sängers. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 2. 2001).

Johanna Geissler
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.