Prinz, Kleiner - Die Verkennung der Idylle

5. Februar 2001, 17:36

Politisch gesprochen, wäre der kleine Prinz ein gefährlicher Träumer

"Wer bist du?", sagte der kleine Prinz. "Du bist sehr hübsch ."

"Ich bin ein Fuchs", sagte der Fuchs.

"Komm und spiel mit mir", schlug ihm der kleine Prinz vor. "Ich bin so traurig." "Ich kann nicht mit dir spielen", sagte der Fuchs. "Ich bin noch nicht gezähmt!" "Ah, Verzeihung!", sagte der kleine Prinz. Und nach einiger Überlegung fügte er hinzu: "Was bedeutet ,zähmen?"

Natürlich bringt der Fuchs dem kleinen Prinzen bei, was das heißt, nämlich "vertraut machen", und ebenso natürlich bringt das Tier dem Prinzen bei, wie er sich ihm vertraut machen kann. Der Akt der Zähmung erfordert den Willen beider Subjekte, formt und erweitert beider Bewusstsein und stellt nebenbei eine kalkulierbar einherschreitende Subjekt-Objekt-Beziehung auf den Kopf. Übertragen in eine einfachere politische Geschichte der Wende entspräche dies dem Dressurakt, den Wolfgang Schüssel an Jörg Haider versucht hat, wobei offen bliebe, wer wen zu zähmen versuchte - oder, wie dieser Fuchs sagen würde, wer sich wen "hergerichtet" hat.

Doch das wäre nur ein Ertrag aus der Fülle schlicht gekleideter Erkenntnisse dieses bizarren Textes, der Generationen Pubertierender Tränen der Rührung in die Augen getrieben hat. Wie kaum ein anderes Werk der Weltliteratur hat der letzte Prosatext von Antoine de Saint-Exupéry eine rezeptionelle Aura geschaffen, deren jedem Zeitgeist konforme Anreicherungen der bescheidenen Qualität des Textes nie standhalten konnten. Der kindliche Erzählton evoziert die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies einer universellen Kindheit, die zur Zeit der Entstehung des Textes 1942, stärker aber noch in den ersten Nachkriegsjahren die Gefühlslage einer ganzen Generation getroffen haben mag.

Flucht in die Kindheit

Einiges von dem Lebensekel, der Saint-Exupéry die letzten zwei verbleibenden Jahre bis zu seinem Tod begleitete und der in seinen letzten Briefen als zunehmende Klage über eine ihm immer unbegreiflicher werdende Welt durchklingt, schwingt in der eskapistischen Konstruktion des Buches ebenso mit wie in den Widmungen: Der Autor schreibt nicht für Kinder, sondern für den erwachsenen Freund im besetzten Frankreich, der einmal ein Kind war. Also folgt konsequenterweise der Flucht in die Kindheit im ersten Abschnitt des Buches die Flucht des Erwachsenen in die Fliegerei, danach der Absturz in die Wüste und die Verwebung biografischer Fäden - Saint-Exupéry war 1935 über Ägypten abgestürzt - zu einer bekenntnishaften Phantasmagorie, die eine Beschwörung des kindlichen Blickes auf die Welt in das Zentrum stellt und den eigenen Tod metaphorisch vorwegnimmt.

Saint-Exupéry verschwand mit seinem Flugzeug 1944 aus der Arena des Luftkrieges, ein Kind bis zuletzt, das sich dem Erwachsenwerden verweigerte, solange es ging - und von dem die Legende will, es sei vom Feind abgeschossen worden. Viel wahrscheinlicher ist, dass der Pilot, den ein befreundeter Arzt für fluguntauglich erklärt hatte, seine Sauerstoffmaske anzulegen vergaß und ohnmächtig wurde.

Wie auch immer, die Legende des "Saint-Ex" verschmolz mit dem stärker werdenden Leuchten seines letzten Werkes zu einer seltsamen Gloriole, in der der kleine Prinz jedem als das erscheint, was er eben sehen will: Der deutsche Fundamentologe Martin Heidegger erkennt in ihm den Vertreter einer "Philosophie der Technologie", Esoteriker schwurbeln von den Prinzipien Glaube, Liebe und Hoffnung daher, wenn sie an die drei Vulkane auf dem Planeten des Prinzen denken, und Pazifisten haben ihn als Wegbereiter einer wahrhaft allumspannenden Brüderlichkeit auserkoren, deren Vokabular eher infantilisiert als naiv wirkt.

Warum sollte sich also eine so flexible Figur der Umdeutung in ein Paradigma für das Wirken eines Politikers wie Wolfgang Schüssel entziehen, dessen veröffentlichtes Bild so vieles aus dem Fundus bezieht, der auch die literarische Vorlage nährt?

Schüssels musische Ader ist sogar schon News aufgefallen, der Hobbyzeichner, Klavier- und Fußballspieler mit dem feinen, wie dem Blick auf die schöneren Innerlichkeiten einer Künstlernatur folgenden Lächeln scheint, seit er Kanzler-Prinz wurde, auf unsichtbarem Drahtseil über die Abgründe des Tagesgeschäftes zu tanzen, ganz als hätte er das testamentarische Vermächtnis der Kunstfigur verinnerlicht: "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

Mit leichtem Gepäck

Selten, dass eine historische Konstellation einer Partei die Wahl erlaubt, sich aufzugeben oder sich dem Parforceritt eines Peter Pan anzuschließen; noch seltener, dass er gelingt und sie tatsächlich aus tiefster Verlassenheit auf einen kleinen, aber autarken Stern führt. Wolfgang Schüssel hat es geschafft. Er ist, notabene, der kleine Prinz der Innenpolitik und hat außer dem Kunststück, seine Sichtweise und sein Erleben der Welt zu dem der Partei zu machen - eine mit leichter Hand hingezauberte autistische Kollektivierung - ein weiteres vollbracht: seine Entourage glauben zu machen, er, der typische Reisende mit leichtem Gepäck, führe einen Wunderrucksack mit, in dem die Wegzehrung für alle Platz habe. Glaube für die, die glauben wollen, Geduld für die, die sich gedulden wollen, Macht für die, die mächtig sein wollen. Und Hoffnung, Liebe sowieso. Zuversicht? Auch.

So betrachtet erscheint uns Wolfgang Schüssel wie ein rares Wesen, das sich in die Politik verirrt hat. Das ist so falsch wie die Annahme, der kleine Prinz wäre nichts als die Ausgeburt der zu Ende gehenden schöpferischen Fantasie eines romantischen Epochenverschleppers. Politiker wie literarische Figur sind vor allem Rezeptionsphänomene, die ein speziell gestimmtes Publikum geschaffen hat: Sie sind also, was wir wollen, und uns daher so ähnlich, wie wir es zulassen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.2.2001)

Von Samo Kobenter
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