Das ist zwar kein Apfel, dafür aber 773.000 Pfund wert

7. Februar 2001, 14:43

Ein Picasso erbrachte freilich vier mal so viel, bei Christie's in London

London - Mit Verkäufen im Umfang von 28,4 Millionen Pfund (ca. 614 Mill. S) für moderne Malerei hat das Londoner Auktionshaus Christie's die diesjährige Versteigerungssaison eröffnet. Für 23 Impressionisten und anderen klassisch Modernen wurden 19,7 Millionen Pfund gezahlt, für 30 Surrealisten 8,7 Millionen Pfund.

Nach Angaben des Auktionshauses vom Mittwoch erreichte bei der Versteigerung vom Vorabend Picassos Gemälde "Büste einer Frau", ein 1942 entstandenes Portrait seiner Muse Dora Maar, mit 3,03 Millionen Pfund den höchsten Preis. Insgesamt sechs Gemälde wurden für mehr als eine Million Pfund zugeschlagen. Bei den Surrealisten erzielte René Magrittes "Ceci n'est pas une Pomme" (Dies ist kein Apfel) von 1964 mit 773.000 Pfund den höchsten Preis.

Acht Gemälde freilich fanden keine Käufer. (APA/dpa)

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Surrealism is ei strangue poizun

Zur Auktion die Vorschau von Doris Krumpl

Nein, das ist kein Apfel! Das ist ein Bild von Magritte, und das kostet etwas mehr als ein Apfel. Ceci n'est pas une pomme ist eines der (späten) Bilder der Serie des Belgiers, deren berühmtestes wohl das bedeutend frühere Ceci n'est pas une pipe (Das ist keine Pfeife) darstellt - wohl auch eines der bekanntesten in Öl gebannten Paradoxa, für die die Gruppe der Surrealisten bekannt war. Das in den 60er-Jahren gemalte Apfel-kein-Apfel-Bild stellt eines von 93 Losen dar, das bei einer Spezialauktion von Christie's London am 6. Februar versteigert wird.

Inhaltlich gut aufgearbeitete Themenauktionen werden allseits immer beliebter, da sie auch den Kunsthistoriker im Sammler wecken oder zumindest weiterbilden - und in anderer Form den Kunsterwerb anregen. Die inhaltliche Klammer macht's, die mehr Spaß auch beim Katalog-Schmökern verspricht. Die Surrealisten sind gemeinsam mit Dada auch deshalb besonders aktuell, da ihre Techniken in Zusammenhang mit der am Kunstmarkt endgültig sanktionierten und enorm erstarkten historischen wie zeitgenössischen Fotografie in Verbindung gebracht werden. Auch die Strömungen des so genannten Crossover machen die nicht nur in bildender Kunst Begabten Alten, welche Literatur (siehe auch Surrealisten-Papst André Breton) und das - neu entdeckte - Unbewusste gut drauf hatten, wieder recht jung.

Vielleicht heißt auch deshalb die Auktion "Surrealism and After", am Katalog steht dann The Art of Surrealism. Die Menüführung der Publikation ist sympathisch, nämlich wirklich wie ein Speisebuch arrangiert. Das Menüvorwort schreibt André Breton, unter Les Fromages werden Skulpturen präsentiert, und die Weinkarte listet die Fotocredits auf.

Gewürzt werden die von Yves Tanguy, Joan Miró, Jean Arp oder sogar Picasso angerichteten "Speisen" einerseits mit Fotografien oder Ausschnitten aus surrealistischen Filmen, z.B die berühmte Auge-Rasiermesser-Szene aus Bunuels Chien Andalou, andererseits durch Künstler, die nur indirekt mit dem Surrealismus zu tun hatten.

Erfreulich, dass hier der wirklich einzigartige Alfred Kubin in die Runde aufgenommen wurde, zwar im Bereich der Vorspeisen (Entrées), aber immehin: Die düstere Vision und gleichzeitig satirischer Kommentar eines dekadenten britischen Imperialismus, die Insel der Engländer, eine seiner raren frühen Aquarellarbeiten, schätzt man auf 20.000 bis 30.000 britische Pfund (ca. 440.000-660.000 öS).

Zu den Fleischgerichten zählt eine Frauenbüste von Salvador Dalí, der 1935 in New York ein Gedicht über den Surrealismus vortrug: "aye av ei horror uv joks / Surrealism is not ei jok / Surrealism is ei strangue poizun..." 150.000 bis 200.000 Pfund will man für die Büste, die im Original in Porzellan gefertigt wurde und in den 70ern in einer 8er-Auflage in Bronze gegossen wurde. Dafür klingt der Preis für diese Hauptspeise ziemlich hoch.

250.000 bis 300.000 Pfund erwartet man sich für die Kreaturen des Schlammes (Creatures of the Swamp) von Max Ernst, die jedem Alien-Film zur Ehre gereichten. Ernsts Ölbild des düsteren Waldes mit einem Vogel (Foret Sombre et Oiseau, 1927) ist eines der berühmten Waldserien, in denen der Künstler mit den Techniken der Frottage experimentierte. Auch die Provenienz Beyeler (Letztbesitzer) lässt dieses bedeutende Werk der Kunstgeschichte auf 400.000 bis 600.000 Pfund klettern.

Das alles können sich fast nur recht betuchte Herrschaften in einem gewissen Alter leisten. André Breton scheint sich indirekt im Katalogentrée an sie zu wenden, wenn er schreibt: "Schmeiß alles hin. Vergiss Dada. Verlass deine Frau, verlass deine Geliebte. Wirf deine Hoffnungen und Ängste über Bord. Vergiss deine Kinder im Wald. Statt dem Gebet nimm den Schatten. Gib, wenn notwendig, dein komfortables Leben auf und das, was dir als Posten mit guten Aussichten verkauft wird. / Beginne auf deinem Weg." Was Breton vergessen hat: "Und kauf gefälligst die Surrealisten!"
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 2. 2001)

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    Dora Maar by Picasso

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