Geigen-Fräulein-Wunder

31. Jänner 2001, 20:10

Jung und ernsthaft: Hilary Hahn geigt im Konzerthaus

Wien - Wer es darauf anlegt, ein Interview mit Hilary Hahn scheitern zu lassen, hat leichtes Spiel. Er braucht nur das Klischee vom "Wunderkind" bemühen, und die Unterhaltung kann sehr frostig werden. Sie in Zusammenhang mit Vanessa Mae zu bringen ist ungefähr so sinnvoll wie ein Vergleich zwischen Jutta Lampe und Sissy Löwinger.

Mit perfektionistisch-geistlosen Teenagern hat sie nichts gemein. In Hahn, die heute und morgen im Konzerthaus Igor Strawinskys Violinkonzert spielt, artikuliert sich ein Weltstar der Violine - und als solcher will sie auch behandelt werden.

Die aus Baltimore, Maryland, gebürtige Geigerin ist stolze 21 Jahre alt, verfügt über ein selbstbewusstes Auftreten und ist alles andere denn verkichert. Sie hat mittlerweile drei famose Platten aufgenommen, allesamt hoch- gelobt und hochmusikalisch.

Erfrischender Bach

Zum Beispiel Bach: Hahn spielt ihn erfrischend unakademisch, frei von jeglicher verzopften Attitüde. In den Tempi natürlich fließend, im Ton kernig, aber nicht grob. Wenn mensch Nathan Milstein, einem erklärten Vorbild Hahns, einst den Vorwurf machte, in seinem Bach wäre zwar die großartige Architektur präsent, es leuchte aber kein ewiges Licht, so ist Hahns Bach nicht nur in seinen Proportionen schlüssig. Auch das spirituelle Moment kommt nicht zu kurz. Vielleicht hat es ja geholfen, dass die Aufnahmen vorwiegend in der Nacht gemacht wurden, manchmal bis sechs Uhr morgens.

Woher dieses Bach-Verständnis kommt? Hahn kann es selbst nicht schlüssig erklären: "Meinen ersten Bach habe ich mit sechs gespielt. Ab einem gewissen Zeitpunkt habe ich dann immer Bach als Zugabe gespielt, statt Paganini." Die drei Jahre alte Aufnahme ist heute schon ein Repertoireklassiker.

Hahn ist kein Easy-going-Typ. Manche Antworten klingen zwar stereotyp eingelernt ("Ein Konzert ist eine Party, zu der ich das Publikum einlade"), aber Naivität ist ihr dennoch nicht zu unterstellen. Hahn weiß, dass sie vom Publikum lebt. Also stellt sie sich nach Konzerten den ZuhörerInnen, macht professionelle Pressearbeit und sagt auch noch, dass ihr das alles Spaß mache.

Eines ihrer Lieblingswörter (in sehr gutem Deutsch): Kommunikation. Als Twen heißt das natürlich: Internet. Auf einer eigenen Homepage kann mensch sie auf ihren Streifzügen durch die Städte begleiten. Da schwirrt sie mit Kamera und Notizblock aus, lässt ihre Fans am Jetset-Leben teilhaben. Dass dies zugleich eine Hilfe gegen Depressionen in fremden Hotelsuiten ist, leugnet sie erst gar nicht. Aber depressionsgeplagte Menschen sehen anders aus.

Kein Schwindel

Was hier an grandiosem Talent und kaum überbietbarer Zielstrebigkeit zusammenkommt, hat der Musikbetrieb noch nicht oft gesehen. Aber Hahn erstaunen Fragen bloß, ob ihr selbst nicht beim Tempo ihrer Karriere schwindelig werde. Sie nimmt es für selbstverständlich, dass sie mit zehn Jahren von der Schule abgegangen ist, sich im prestigeträchtigen Curtis Institute of Music täglichem vierstündigen Üben aussetzte.

"Meinen LehrerInnen (Anm.: die Russin Klara Berkovich, der Lette Jascha Brodsky) ist es vor allem darum gegangen, meine Stärken zu entwickeln. Ich glaube, dass mensch mit sechs Jahren schon den Charakter eines Menschen, seine intuitiven Möglichkeiten erkennen kann. Als MusikerIn musst du nur lernen, das, was an Empfindungen in dir ist, nach außen zu projizieren. Dabei haben sie mir geholfen."

Die Moderne war zuletzt insofern ein Thema, als der Kontrabassist Edgar Meyer (auch dessen Bach-CD ist eine Entdeckung wert!) eigens für Hahn komponiert hat. Bartók und Berg werden künftig mit ihrer Aufmerksamkeit rechnen müssen.

Ob es stimmt, dass sie in der Freizeit Hanteln stemmt? "Ja, das macht Spaß und ist auch gut für die Kondition. Genauso wie das Rudern." Aber vor dem Konzert: "Never ever." Zum Schluss doch noch die Frage nach der amerikanischen Musik. Keine geheimen Vorlieben? Oh doch! Der Blues geht ihr rein, besonders der von Muddy Waters. Wenn sie davon spricht, bekommt ihr Gesicht plötzlich einen auffallend lebhaften Ausdruck. Also doch kein Wesen von einem anderen Stern, sondern ein fast normaler Twen, der sich auch wegshaken kann. Mensch nimmt es fast erleichtert zur Kenntnis. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 1.2.2001)

Von Wolfgang Schaufler
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