Kleiner Finanzplatz Wien bei Desinvestitionen wesentliche Hürde

31. Jänner 2001, 15:23

A.T.Kearney: Grundsätzlich negative Einstellung deutschsprachiger Firmen zu Verkäufen

Wien - Neben der grundsätzlich negativen Einstellung deutschsprachiger Firmen zu Desinvestitionen (Verkäufen) als Mittel zur Wertsteigerung kommt in Österreich noch als eine wesentliche Hürde der kleine Finanzplatz Wien hinzu. Die mangelnde Liquidität an der Wiener Börse sowie der erhebliche Einfluss einiger weniger Schlüsselpersonen würden bewirken, dass für Veräußerungen oft keine Finanzinvestoren, sondern nur wenige strategische Investoren gefunden werden können. Mit diesen Worten beschrieb Robert Kremlicka, Vizepräsident und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens A.T.Kearney Österreich, am Mittwoch den noch "unterentwickelten" Desinvestitionsmarkt Österreich.

Im Vergleich zu angloamerikanischen Ländern hätten Unternehmen in Österreich und Deutschland die Bedeutung von Veräußerungen für die Wertsteigerung von Unternehmen noch nicht erkannt. Derzeit werde der österreichische Desinvestitionsmarkt stark von der Privatisierung getrieben. Die "normale private Industrie" nütze dieses Instrument noch nicht aus, so der Beratungsexperte.

Entstaatlichung angekurbelt

Der Regierungswechsel und die Budgetpolitik der neuen Regierung haben die Entstaatlichung großer österreichischer Banken und Industriebeteiligungen angekurbelt. Dadurch würden diese Unternehmen veranlasst, sich von Tochtergesellschaften und Geschäftseinheiten zu trennen, die nicht in ihrem Kerngeschäft operieren, so Kremlicka.

Ein gutes Beispiel für die Strategie, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren, biete die Bank Austria-Gruppe, die in den vergangenen Monaten wichtige Beteiligungen wie die ÖRAG und ihren Anteil an der BBAG abgegeben habe, der Verkauf der Lenzing AG sei im Gange. Das beste Beispiel für eine gelungene Portfoliopolitik sei die Frantschach AG: Innerhalb eines kurzen Zeitraumes habe das Unternehmen durch den Verkauf des Zellstoffwerkes Pöls und der Papierfabrik Neusiedler bei zeitgleicher Akquisition seiner größten europäischen Wettbewerber AssiDomän und Confineg Desinvestitionen als strategische Entscheidung optimal genutzt, so der Österreich-Chef von A.T.Kearney.

Als Negativbeispiel könnte der Verkauf des Lebensmittel-Filialnetzes von Julius Meinl herangezogen werden: Die Verhandlungen haben sich nach Einspruch der EU-Wettbewerbskommission auf fast zwei Jahre erstreckt, ein Zeitraum, der für die erfolgreiche Abwicklung von Destinvestitionen als Wertsteigerung laut Kremlicka zu lang ist. Meinl habe dadurch 1 bis 2 Mrd. S an Wert vernichtet, so Brancheninsider. (APA)

  • Artikelbild
    foto: a.t. kearney
Share if you care.