Häusllektüre

31. Jänner 2001, 10:07

Neuerscheinung widmet sich den öffentlichen Wiener Bedürfnisanstalten

Wien - Architekturführer zum Thema Wien gibt es bereits in Hülle und Fülle. Meist widmen sie sich den viel gerühmten, bekannten Baujuwelen der Bundeshauptstadt. Jetzt gibt es erstmals einen Band, der sich mit einer speziellen Einrichtung beschäftigt, die nur in den seltensten Fällen schön, oft aber dringend notwendig ist: den öffentlichen Toiletten. Die reich bebilderte Neuerscheinung "Unentbehrliche Requisiten der Großstadt" von Peter Payer ist im Löcker-Verlag erschienen.

Eingangs wird dort auf die große internationale Hygieneausstellung, die 1906 im Wiener Prater ihre Tore geöffnet hat, verwiesen. Die Stadt, so hieß es im dazu erschienenen Katalog, müsse nach "hygienischen Gesichtspunkten" umgestaltet werden. Auch die Bevölkerung müsse sich eine entsprechende Lebensweise aneignen. Ein Mann hat diese Bestrebungen voll unterstützt: der aus Berlin zugewanderte Kaufmann Wilhelm Beetz.

Er errichtete bereits seit 1883 neuartige Anlagen in Wien. Neu insofern, als Beetz erstmals nicht nur Pissoire für das "kleine", männliche Geschäft, sondern "Bedürfnisanstalten für Personen beiderlei Geschlechts" aufstellte und außerdem das so genannte "Öl-Urinoir" erfand. Mit diesem, so heißt es in dem Buch, wurden die bisherigen Probleme der Geruchsbelästigung und Desinfektion nachhaltig gelöst.

Es folgt eine Geschichte der Wiener "Häusln", deren Erscheinungsformen von unterirdischen Prunkanstalten bis zu simplen Fertigteil-Pissoirs reichten (und reichen). Die oft kontrovers geführten Diskussionen über Aufstellungsorte sind umfangreich dokumentiert. Denn immer öfter, so schien es, wurde der eigene - und erst recht der fremde - Ausscheidungsvorgang tabuisiert. Immer mehr Anstalten wurden in abgelegene Straßen verbannt oder hinter Büschen versteckt.

Und es wird auch nicht verschwiegen, dass allgemein zugängliche WC-Anlagen inzwischen eher nur mehr selten mit "öffentlicher Hygiene", sondern eher mit dem Gegenteil in Verbindung gebracht werden. Viele Toiletten, etwa solche in Parks und Unterführungen, sind nur mehr für den absoluten Notfall da. Ein Trend, der sich bald wieder umkehren könnte. Denn der Autor skizziert in einem Ausblick auf die "Zukunft der Notdurftverrichtung" die mögliche Verwandlung der Bedürfnisanstalten in "Erlebnisbereiche", in denen die Gäste mit Werbevideos und Radiospots "verwöhnt" werden. (APA)


"Unentbehrliche Requisiten der Großstadt - Eine Kulturgeschichte der öffentlichen Bedürfnisanstalten von Wien" von Peter Payer, erschienen im Löcker Verlag Wien, 250 Seiten, 398 Schilling

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    foto: standard/cremer
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