Journal der Melancholie

29. Jänner 2001, 11:51

Cesare Paveses Tagebuch über das Vergehen der Zeit, Literatur und Impotenz

Im Mai 1935 wurde Cesare Pavese zusammen mit der gesamten Redaktion der in Turin erscheinenden Zeitschrift Cultura verhaftet und anschließend in die Verbannung geschickt. Dort, in einem Dorf in Kalabrien, begann er ein Tagebuch zu führen, dessen Einträge wenige Tage vor seinem Tod im Jahr 1950 enden. Dieses Tagebuch verrät wenig, fast nichts, über das politische Leben während des Faschismus und in der Nachkriegszeit. Was es preisgibt, ist die anfangs mühsame, später erfolgreiche Suche des 1908 geborenen Autors nach seiner Persönlichkeit und seinem Stil. Bei der Lektüre hat man auf den ersten Seiten den Eindruck, als schlüge sich hier einer mit Scheinproblemen herum. Dann, im April 1936, merkt man, dass sich etwas verändert hat. Paveses Betrachtungen umkreisen ein Ereignis, genauer, einen Mangel, der nicht immer benannt wird. Das Tagebuch gewinnt nun sukzessive an literarischer Kraft.

Am 15. März notierte Pavese: "Ende der Verbannung." Zurück in Turin, erfährt er, dass sich seine Geliebte in der Zwischenzeit einem anderen zugewandt hat. Im Tagebuch ist zum ersten Mal von Selbstmord die Rede. Pavese formuliert den Gedanken, als handelte es sich um ein Schicksal oder ein Programm: "Und ich weiß, dass ich für immer dazu verdammt bin, bei jedem Hindernis oder Schmerz an Selbstmord zu denken. Das ist es, was mich entsetzt: mein Prinzip ist der Selbstmord, nie vollzogen, den ich nie vollziehen werde, der aber meiner Empfindsamkeit schmeichelt." In seinem 1949 verfassten Roman Die einsamen Frauen kommt ein Mädchen vor, das zunächst mit einem Selbstmordversuch scheitert, wodurch sie gleichsam zur ewigen Selbstmörderin gestempelt ist. Ihre Freundinnen sind dann geschockt, als sie beim zweiten Versuch schließlich erfolgreich ist. Etwas von diesem langsamen, aber sicheren Zusteuern auf den Selbstmord ist auch in Paveses Handwerk des Lebens - als hätte er sich das Tatwerden der Literatur so lange vorgeschrieben, bis er dem eigenen Prinzip, seiner Vollendung in der Vernichtung, nicht mehr entkam. Vor einem halben Jahrhundert, im August 1950, nahm sich Pavese in einem Turiner Luxushotel (eine weitere Parallele zum erwähnten Roman) das Leben. Die letzten Worte im Tagebuch muss man auf italienisch zitieren, weil ihr harter Gestus in der deutschen Übersetzung verlorengeht: "Tutto questo fa schifo. / Non parole. Un gesto. Non scriverò piú." In der Fassung von Maja Pflug: "All das ist ekelhaft. / Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben." Mit dem Auftauchen des Selbstmordgedankens im April 1936 ist nun allerdings ein verwickelter Komplex von Gefühlen und Ressentiments, Vorwürfen und Selbtanklagen verbunden, den die italienischen Ausgaben des Tagebuchs bis 1990 zu einem wesentlichen Teil zensierten (die deutsche Ausgabe tut es noch immer). Es sind dies Stellen, und zwar durchaus nicht wenige, an denen Pavese sich von seiner hässlichen und bösartigen Seite zeigt. Die Tatsache, dass er es tut, ist für sich genommen bemerkenswert, zumal sich diese vulgären, sexistischen Ausbrüche in den Rahmen einer schonungslosen Selbstanalyse fügen, die Pavese über die Jahre hinweg betrieb. Die Feilarbeit am eigenen Ich, die das "Handwerk des Lebens" als literarischer wie auch existentieller Prozess bedeutet, kann über die dunklen, unzerstörbaren Kerne nicht hinwegsehen. Es fällt auf, dass die Zensoren besonders dort unerbittlich waren, wo Pavese von seiner Impotenz und seinen Rachegelüsten gegenüber dem (vermeintlich) potenteren Widersacher spricht. Offenbar waren solche Äußerungen im machistischen Italien der fünfziger Jahre besonders peinlich. Tatsächlich ist die Erfahrung der Impotenz für Das Handwerk des Lebens und für Paveses literarische Tätigkeit insgesamt grundlegend. Impotenz hat dabei zunächst eine sexuelle Bedeutung, die sich dann erweitert im Sinn eines Mangels an Lebenskraft, einer Getrenntheit von dem, was Pavese als "das Leben" erachtete und in anthropologischem Kontext als "das Wilde" bezeichnete. Sexualität ist deshalb wichtig, weil sie als Symbol für einen größeren Zusammenhang gilt, für das letztlich nicht zu befriedigende "Streben nach etwas Verborgenerem und Geheimnisvollerem". Pavese greift auf die Bibel zurück, um seinen Gedanken zu untermauern: "Wenn das Ficken nicht das Wichtigste im Leben wäre, würde die Genesis nicht damit anfangen."

Als Pavese die schwere seelische Krise von 1936/37 langsam überwindet, eröffnet sich ihm nur ein Ausweg: das, was Freud, den er eine Zeitlang mit Interesse las, als Sublimierung bezeichnete. Geistige Schöpfungen anstelle von körperlichen; Schreiben statt Ficken. Auf diesem Weg kommt Pavese zur Reife, zu Werken, die Anerkennung finden und seinen eigenen Vorstellungen von Literatur entsprechen. Empörung und Selbstzweifel treten in den Hintergrund, der Ton des Tagebuchs wird gelassener, die Absätze konzentrierter, bisweilen aphoristisch. Immer wieder taucht eine Maxime auf, die im Grunde mit dem nietzscheanischen "Werde, der du bist" identisch ist. Man muss sein Schicksal, auch wenn es ein hartes ist, lieben, und zu diesem Zweck muss man es zuerst erkennen. Zu solcher Erkenntnis dient, allerdings nur ersatzhaft, das Tagebuchschreiben. Die Identität von Sexual- und Erkenntnisakt, wie sie die Sprache der Bibel unterstellt, wendet Pavese zurück auf das Ich: Erst, wenn du den anderen liebst, kannst du dich selbst erkennen. Auch in den Phasen, da Pavese sich eine stoische Haltung zulegt, bleibt die Unzulänglichkeit der körperlichen Liebe ein Stachel in seinem Fleisch. Eine der in der deutschen Ausgabe nicht enthaltenen Stellen lautet: "Solange du Eier hast und die Frauen einen Uterus, wird das Leiden nicht aufhören. Und wenn ihr sie nicht mehr habt, werdet ihr leiden, weil man sie euch weggenommen hat." Später, in der Zeit der Reife, als er das Gefühl hat, in literarischer Hinsicht alles erreicht zu haben, fragt sich Pavese: "Wo sind die Ängste, die Schreie, die Liebesgeschichten der Jahre zwischen 18 und 30?" Soziale Souveränität und persönliche Ausgeglichenheit können ihn nicht zufriedenstellen.

Im Juni 1950 erhielt Pavese den Premio Strega, einen der wichtigsten italienischen Literaturpreise. Wenige Wochen zuvor hatte er Constance Dowling kennengelernt, eine amerikanische Filmschauspielerin, und noch einmal die Tragödie von Illusion, Potenzzweifel und Verlassenwerden durchlebt. C. - die abgekürzten Namen klingen in Tagebüchern intimer, geheimnisvoller als die ausgeschriebenen - hatte ihn an das Leben erinnert, zu dem er willentlich auf Distanz gegangen war. Der gesellschaftliche Erfolg wird durch die erotischen Aufwallungen noch fragwürdiger. Am 27. Mai schreibt Pavese: "Ich betrachte meine Ohnmacht [impotenza im Original], spüre sie in meinen Knochen... Es gibt nur eine Antwort: Selbstmord." Hinzu kommt, dass Pavese zu diesem Zeitpunkt glaubte, sein literarisches Gesamtwerk bereits hinter sich zu haben. Nach seinem Dafürhalten deckten seine Romane und Erzählungen das soziale und historische Panorama Italiens in der ersten Jahrhunderthälfte ab - eine leichtfertige Selbsteinschätzung, deren Ambivalenz im nachhinein nicht zu übersehen ist.

Die Melancholie, die Das Handwerk des Lebens grundiert, ist in letzter Instanz nicht durch einzelne Ereignisse, sondern durch das Vergehen der Zeit hervorgerufen. Die wachsende Ferne der Kindheit ist für Pavese zunehmend Anlass für seine Betrachtungen; er versucht, die unvermeidliche Tatsache, dass er vieles nicht mehr zum ersten Mal erlebt und das Staunen ebenso schwindet wie die mythische Aura, die die Dinge einst umgab, ins Positive zu wenden, indem er eine Theorie der Wiederholung skizziert. Allerdings zwingt er auf diese Weise das Ich in bestimmte Muster, denen es nie mehr entgehen kann: "Was gewesen ist, wird sein... Du suchst die Niederlage." Mit dieser Aussicht ist es schwer, das Schicksal zu lieben. Ende 1949 zieht Pavese die Summe seines schöpferischen Lebens. Wenige Monate später, nachdem er C. kennengelernt hat, notiert er: "Herzklopfen, Zittern, unendliches Seufzen. Möglich in meinem Alter?" Wenn er als Heranwachsender verliebt war, hatte er ähnliche Symptome, aber jetzt, im "Alter", werden sie als pathologische Symptome klassifiziert. Das Herzklopfen ist ein Zeichen dafür, dass der Körper und mit ihm die Seele überfordert ist. Vergleicht man diverse Künstlerbiographien, kann man sich die Frage stellen, ob die Tempi eines Lebens nicht extrem unterschiedlich sind. Wer kann sich etwa vorstellen, was Mozart mit siebzig komponiert hätte? Ein Film von Faßbinder im Greisenalter? Eine Komposition Bruckners als Knabe? Wenige durchlaufen eine lange, abwechslungsreiche Lebenskarriere wie Goethe. Offensichtlich benötigen die Persönlichkeiten für ihre Reifung ganz unterschiedliche Zeiten. Pavese war mit 42 "alt", erfolgreich und frustriert. Dieser rasche Alterungsprozeß lässt sich an seinem Tagebuch verfolgen. Schon zu Beginn, als der Autor um die dreißig war, sind seine Klagen über die verlorene Kindheit und Jugend häufig. Ähnlich die Figuren seiner späten Romanen. Ein sechzehnjähriges Mädchen treibt sich in Künstlerkreisen herum, trinkt Wein, soll nach dem Willen des Autors naiv wirken, hat jedoch die Allüren einer abgeklärten Erwachsenen. Eine Modistin, knapp über dreißig, unverheiratet, blickt von ihrer desillusionierten Warte halb ironisch, halb schulterklopfend auf die jüngeren Generationen herab. Für alle diese Figuren ist das Leben schon gelaufen. Sie sind vorzeitig gealtert. Am besten, sie machen Schluß. Manche tun es tatsächlich, sie legen Hand an sich, wie der Autor.

Für die Jahre 1948/49 spricht Pavese mehrmals von seiner beatitudine. Im Tagebuch selbst gibt es Anzeichen dafür, dass diese literaturfixierte "Glückseligkeit" brüchig ist. Vor allem aber sind die Romane, die er in dieser Zeit schrieb, voller Ekel, Spott, Krankheit, Hoffnungslosigkeit. Was Gianni Vattimo vor nunmehr zehn Jahren schrieb, dass Das Handwerk des Lebens in vieler Hinsicht gealtert, in seinem Existentialismus sozusagen nicht mehr up to date sei, diese Meinung teilen wir nicht. Das, wovon Paveses Ta gebuch handelt, steht uns immer noch bevor. Anders verhält es sich mit den Romanen und Erzählungen. Hier wird man den Eindruck nicht los, dass der Autor seine Figuren und Situationen auf der Basis einer Reihe von Ressentiments konstruiert, die vor allem sexuell gefärbt sind. Ein Mädchen mit lockerem Lebenswandel muss natürlich Syphilis kriegen. Die Frauen wollen nur eins, die Männer ausnützen, hereinlegen, usw. Der angewiderte Ton, den alle Figuren ausströmen, verrät nur Paveses eigenen Ekel. Was im Tagebuch fasziniert, weil sich hier eine Person in der Lage zeigt, sich über die eigenen Abgründe zu beugen, ermüdet, wenn es erzählerisch so ausgefaltet wird, dass einem derselbe Überdruss von allen Seiten entgegenschlägt. Paveses Turiner Romane sind Kinder einer vergangen Zeit, nämlich jener, als europäische Übersetzer/Schriftsteller die nordamerikanische Erzählliteratur entdeckten und nachzuahmen begannen. Das Handwerk des Lebens hingegen gehört in alle Zeiten, gehört allen Zeiten, auch der unseren. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 27./28. 1. 2001).

Von Leopold Federmair

Cesare Pavese, Das Handwerk des Lebens.

Tagebuch 1935-1950.

Deutsch von Maja Pflug.

öS 263,-/ EURO19

10/463 Seiten.

Claassen, München 2000.
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