Vorsicht, LipizzanerInnen!

20. Jänner 2002, 22:51
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Über die Einschränkungen für Frauen in Männer-Jobs

Ob Frauen Lipizzaner dressieren dürfen? Ebenso öd wie österreichisch ist diese Auseinandersetzung. Aber der Kern ist ernst genug, um ihn unter der Kitsch-Kruste hervorzukratzen, meint Elisabeth Pechmann.

Man hätte annehmen können, mit dem Theater um die Wiener Philharmoniker und ihre Weigerung, Musikerinnen aufzunehmen, sei der Gipfel bereits erreicht. Aber Österreich ist steigerungsfähig. Nun geht es nicht mehr nur um den Seelenfrieden sensibler Streicher, neuerdings macht Weiblichkeit angeblich sogar buchstäblich die Pferde scheu.

Manche Hengste würden auf Frauen nervös reagieren, reportiert der Kurier eine Fachmeinung zur Frage, ob die Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule künftig nicht nur von Bereitern, sondern auch von Bereiterinnen trainiert werden sollen. Wie immer man sich nun das mögliche Ausmaß dieser Pferde-Erregung ausmalt - es steht jedenfalls in keinem Verhältnis zur öffentlichen Aufregung.

Die gilt allerdings nicht primär dem Wohl der weißen Hengste, sondern dem Bewahren einer Tradition. Und in so einem Fall schreckt das konservative Österreich vor nichts zurück. Auch nicht vor dem lahmenden Vergleich mit den Sängerknaben, die schließlich ebenfalls, schon per definitionem, Frauen-frei zu halten seien, um ihre Einmaligkeit nicht zu zerstören. Herrschaften! Keiner hat tänzelnde Stuten und die Umbenennung in LipizzanerInnen verlangt.

Das Märchen . . .

Natürlich ist die Reitschulposse mehr Kuriosum als Exempel für die generelle Einschränkung weiblicher Berufsausübungsfreiheiten und Karrieremöglichkeiten. Es ist fraglos absolut nebensächlich, ob die Hengste in der Hofreitschule unter sich bleiben oder nicht (solange die Hürden anderswo niedriger werden). Doch das Muster der Abwehr ist beispielhaft: Je dünner die Fakten, desto nachdrücklicher wird mithilfe von Klischees und Vorurteilen Mauer gemacht. Da nützt auch die Erfahrung nichts, dass sich so viele derartige Verhinderungsmanöver im Nachhinein von selbst entkräftet haben.

Übrigens auch in den viel zitierten traditionellen Bereichen: Opernbühnen etwa waren einst ein reines Männer-Revier. Wer will heute lieber einem Kastraten zujubeln als der Gruberova? Oder Polizistinnen: Anfangs gab's "Flintenweiber"-Gegeifere, inzwischen schneiden die Beamtinnen in der internen Bewertung oft besser ab als ihre Kollegen, von Kokainpartys unter Ermittlerinnen hat man hingegen noch nichts gehört.

Objektiv gesehen ist die Geschichte von den "Männer-Jobs" ohnehin überholt. Geistig wie physisch hindert nichts eine Frau daran, Premierministerin zu sein, einen Computerkonzern zu managen oder die Rallye Paris-Dakar zu gewinnen. Durchaus möglich, dass wir uns beim Ziegelschupfen oder bei der Müllabfuhr nicht ideal machen würden. Aber das ist ohnehin kaum gewürdigt, schlecht bezahlt und daher geschenkt. Folgerichtig geht es auch den Abblockern nicht darum, uns anstrengende Berufe vorzuenthalten. Die anregenden sind es, die man(n) selbst dann noch verteidigt, wenn die vernünftigen Argumente längst ausgegangen sind.

Theoretisch wäre es eine lohnende Herausforderung für noch mehr Frauen als bisher, diese Farce in aller Ruhe zu konterkarieren. In welcher Branche man sich doppelt anstrengen und eine dicke Haut kriegen muss, um aufzusteigen, ist doch relativ egal. Warum also nicht in einer, die zukunftsträchtiger oder zumindest origineller ist als die herkömmlichen Damen-Ghettos. Theoretisch wäre es Aufgabe der Politik, beim Reviergrenzen-Öffnen und Gläserne-Decke-Durchbrechen zu helfen. Wie's ginge, kriegt sie beispielsweise ab morgen wieder schwarz auf weiß, wenn der Österreich-Bericht der CEDAW (Convention on Elimination of Discrimination Against Women) vorliegt.

. . . vom Männer-Job

Theoretisch wäre es Managern mit all ihren Hard und Soft Skills zuzutrauen, den dumpfen Instinkt des "Male Bonding" zu überwinden. Praktisch aber haben wir einen Herrn Frauenminister und eine wirtschaftlich-gesellschaftliche Führungselite, die - von wenigen Ausnahmen abgesehen - ihre Männerbündelei unter dem Deckmäntelchen der Tradition bis in die obskursten Ecken absichern. Doch wenn gar nichts hilft gegen die mit "Gewohnheit", "Selbstgefälligkeit" und "Angst" etikettierten Bretteln vorm Kopf, wirkt eventuell die Macht des Geldes: Es ist auch ökonomisch kurzsichtig, eines von zwei Geschlechtern im Erwerbsleben zu bremsen.

Denn erstens bringt die Zukunftszielgruppe "Kundin" mit Geld im Börsel mehr Profit als ohne.

Und zweitens verspricht die Trendforschung einhellig, dass in absehbarer Zeit nahezu jede Organisation ziemlich froh sein wird, den vorhersehbaren quantitativen wie qualitativen Arbeitskräftemangel mit gut ausgebildeten, motivierten Mitarbeiterinnen mildern zu können.

Vielleicht stellt das endlich klar, dass man sich das Märchen vom "Männer-Job" auf Dauer nicht mehr leisten kann.

Elisabeth Pechmann ist Chefredakteurin von "Alles Auto" und lebt in Wien.

28.01.2001
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