Moskau besetzt und Wien befreit

2. Februar 2001, 20:44

Das erfolgreiche Eingreifen Jan Sobieskis, des letzten bedeutenden polnischen Königs, in der Entsatzschlacht um Wien, überdeckte im 17. Jahrhundert die wachsende innere Schwäche Polens.

Bereits kurz nach dem Sieg bei Grunwald hatte in Horodlo an der polnisch-litauischen Grenze am Bug eine geschichtlich einmalige Massenadoption litauischer Adelsgeschlechter in die Szlachta stattgefunden; diese Adeligen waren nicht nur Litauer im ethnischen Sinn, sondern auch Weißrussen und Ukrainer, so die später auch für Österreich bedeutsamen Fürsten Czartoryski. Das entsprach ausgeprägtestem ständischem Denken: "Wohlgeboren" war man unabhängig von Sprache und Religion - das galt freilich mit umgekehrten Vorzeichen auch für die unterdrückten Bauern, deren Freizügigkeit um diese Zeit vollständig aufgehoben wurde, die also die Adelsgüter nicht mehr verlassen durften. Im Lauf der Zeit ließ sich nicht verhindern, dass der auf diese Weise gleichberechtigt in die Szlachta aufgenommene litauische Adel polonisiert wurde.

So glanzvoll die Jagiellonenzeit einesteils war, so war sie andererseits eine Ära der ständigen Zugeständnisse an die Szlachta, und dies noch verstärkt, nachdem 1569 Polen-Litauen von einer Personal- in eine Realunion umgewandelt worden war. Dabei wurden die ukrainischen Gebiete mit ihren riesigen Latifundien Polen zugeschlagen. Gleichzeitig wurden die in Thorn dem "Königlichen Preußen" gewährten Sonderrechte aufgehoben, was die deutschen Stadtbürger vieler ihrer Rechte beraubte. In dem seit 1494 einberufenen Reichstag (Sejm) saßen nur Adelige, und zwar als Senatoren die hochrangigen Magnaten, Kronbeamten und Kirchenfürsten, weiters die von den Landtagen delegierten Adelsvertreter der verschiedenen Regionen. Nach dem Aussterben der Jagiellonen machte der Sejm permanent von seinem Recht der freien Königswahl Gebrauch. Das führte dazu, dass der Thron immer wieder von ausländischen Fürsten besetzt wurde. Auf diese Weise verhinderte die Szlachta herrscherliche Versuche, absolutistisch zu regieren; der König galt nur als "Primus inter pares", Erster unter Gleichen.

Inzwischen ballte sich im Osten eine bedrohliche Gefahr für das nur noch schwer regierbare Polen zusammen. Die Moskauer hatten das Tatarenjoch abgeschüttelt, und Iwan der Schreckliche formte sein Fürstentum zu einem schlagkräftigen Staat um. Noch glaubten die Polen, ihre Vormachtstellung erhalten und Moskau zum Satelliten machen zu können. In der Nachfolge Iwans war es zu Thronwirren gekommen, Boris Godunow hatte nach dem Tod des Zarensohns Demetrius den Thron usurpiert.

Inzwischen hatten in Polen die Jesuiten die Gegenreformation in Gang gesetzt, die Protestanten wurden zurückgedrängt, eine 1595 gegründete Unierte Kirche sollte die orthodoxen Ukrainer in die Jurisdiktion des Papstes zurückholen, und schon machte sich die Kirche Hoffnungen, durch Polens Macht eine große Union mit der Orthodoxie zu erreichen.

Demetrius war, vielleicht auf Anstiften Godunows, ermordet worden, doch es hielt sich die Legende, dass er am Leben sei. Polen unterstützte die Anhänger des "Pseudodemetrius", eine polnische Armee brachte ihn nach dem Tode Godunows nach Moskau und ließ ihn zum Zaren krönen, doch der Hass des Volkes richtete sich bald gegen den von polnischen Ratgebern umgebenen und mit einer Polin verheirateten "falschen Demetrius"; nach kaum einem Jahr wurde er 1606 erschlagen. Nach einer zweijährigen Besetzung Moskaus wurde der Polenkönig Sigmund III. aus dem schwedischen Haus Wasa, nachdem er sich geweigert hatte, seinen bereits zum Zaren gewählten Sohn zur Orthodoxie übertreten zu lassen, aus Russland verjagt.

Sehr bald geriet Polen nun in die Defensive. In der Ukraine erhoben sich die Kosaken unter ihrem Hetman Chmielnicki und unterstellten sich dem Zaren. Danach stand Polen in einem Zweifrontenkrieg gegen Schweden und Moskau. Die Schweden besetzten einen Großteil des Landes. Der erfolgreiche Widerstand des Klosters Tschenstochau veranlasste König Johann II. Kasimir Wasa (im Krieg mit seinem schwedischen Wasa-Verwandten ging es um Nachfolgeprobleme), die hl. Maria als Königin Polens zu proklamieren. Das Kriegsglück wendete sich, und das Bildnis der "Schwarzen Madonna" von Czestochowa wurde zu Polens Nationalheiligtum. Die Russen hingegen konnten den Polen im Friedensschluss Smolensk und die östliche Ukraine wegnehmen.

Folgenschwer war ein weiteres Ergebnis dieses Krieges. Nach den Niederlagen des Ordensstaates hatte der letzte Hochmeister, ein Hohenzoller, sich zum Protestantismus bekannt und das unter Polens Oberhoheit stehende Land als Herzogtum Preußen säkularisiert. Als diese Hohenzollernlinie ausstarb, erbten die mit ihr verwandten brandenburgischen Kurfürsten dieses Preußen. Es war ein Land außerhalb des Römischen Reichs deutscher Nation, noch war der Brandenburger Lehensmann Polens. Als Verbündeter der Schweden setzte nun Friedrich Wilhelm, der "Große Kurfürst", im Friedensschluss durch, dass er die volle Souveränität über Ostpreußen erhielt. Das war der Beginn des Hinauswachsens von Brandenburg-Preußen aus dem Reich - mit allen Folgen, die dies für Polen, unter anderem aber auch für Österreich und für die deutsche Geschichte haben sollte.

Ein letztes Mal entschied sich die Szlachta bei der Königswahl 1674 für einen Mann aus den eigenen Reihen und damit für den letzten polnischen Herrscher von europäischer Bedeutung. Johann III. (Jan) Sobieski, einer reichen Magnatenfamilie entstammend und als Truppenführer gegen Kosaken, Schweden und Türken bewährt, wurde König. Zwar hatten ihm französische Schmiergelder, vermittelt durch die französische Verwandtschaft seiner Gattin Marysienka, auf den Thron verholfen, doch Sobieski ließ sich nicht zur Marionette Ludwigs XIV. machen.

Während Frankreich den Sultan ermunterte, gegen Wien zu marschieren, schloss er ein Schutz- und Trutzbündnis mit Kaiser Leopold I. An der Spitze des Entsatzheers führte er seine polnischen Husaren am 12. September 1683 vom Kahlenberg her durch die Weinberge in einer der letzten großen Reiterschlachten der Neuzeit gegen den Befehlsstand Kara Mustafas in St. Ulrich (heute 7.Bezirk). Nach der Befreiung der bedrängten Stadt als Sieger gefeiert, konnte er seiner Frau über den Kampf und die reiche Beute berichten: "Es ist eine Victorie dergleichen niemals zu hören war... Der Commendant Graff Stahrenberg hat mich umhalset, geküsset und Salvator genennent... In summa ist der feind nun völlig ruiniret... Lasset alles fröhlich seyn, Gott dem Allerhöchsten dancken, dass er denen Mahomethanern nicht zugelassen, uns zu fragen, wo unser Gott ist."

Seine militärischen Siege feiten Sobieski nicht vor den Intrigen eifersüchtiger Magnaten; vergeblich versuchte er, ihrer sein Regieren beeinträchtigenden Opposition Herr zu werden. Nach seinem Tod (1696) begann erneut das unwürdige Spiel um die Wahl eines möglichst machtlosen Königs, während ringsum die Nachbarn schon lauerten, dass ihnen Polen als leichte Beute zufallen werde. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 27./28. 1. 2001).

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.