Lust auf anderes

15. August 2001, 03:39
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"First Ladies" im Smalltalk: "Journal des Verschwindens" (XIII)

Wer betont nicht gern, dass er das andere will, wenn das eine verlangt ist? Das andere und das ganz andere. Philosophen und Theologen waren rasch außerstande, sich ohne eine solche Alternative zu definieren: Leute, die Fragen pachten, schnell beantworten und löschen. In Österreich ist solche Theologie ganz vom ORF-Fernsehen absorbiert worden: "Wir" sind das "ganz andere" - das ist die Frohbotschaft jeder Sendung. Auch deshalb: Flucht ins Kino.

Jede Seitengasse ist zugleich das eine und das ganz andere. Und wer rasch ins Kino will, begreift das leicht. Ist er einmal angelangt und bekommt sogar die Kinokarte wegen der Verspätung geschenkt, sinkt er vorerst erlöst in die letzte Reihe und versucht, von der Leinwand zu erfahren, was er sucht, weshalb er es für so wichtig hielt, zurecht zu kommen. Der Film, den er eher verlassen kann, als sich selbst, wird ihm helfen.

Das eine und das ganz andere, was soll das? So lange der Film dauert, hält er sich doch für halbwegs fähig, die Frage zu verschieben. Aber daheim angelangt, hat er wieder die Wahl. Und hört die neue "Zeit im Bild" ("ZiB"). Tatsächlich hat das Bild sie zugleich mit der Frage nach ihrer Existenz an sich gerissen und unauffällig verschlungen.

Smalltalk

Man erfährt im dazugehörigen Jargon und in kaum verborgener Aufregung, dass die junge Königin und der junge König von Jordanien mit ihren drei Kindern (das jüngste wird noch gestillt, wird in den Fernsehnachrichten mitgeteilt) in Wien gelandet sind. Alles im Stil des "Wiener Samstag": Dass die "First Ladies" sich schon zum Smalltalk gefunden haben, wie viel verborgene Ähnlichkeiten zwischen den beiden kleinen hochaktuellen Ländern sich leicht finden lassen - das Geschäft, um das es geht, bleibt als Detail versprengt stehen. Aber weil Jordanien keine Erdölquelle besitzt, sondern nur das dazugehörige reiche Ambiente, muss es neuen Erfordernissen angepasst werden und österreichische Investoren ermuntern.

Die Beziehungen sind gut und das österreichische Bundesheer darf in der jordanischen Wüste Luftwaffenübungen machen (dafür müssen jetzt vor dem "Hotel Imperial", wo das junge Königspaar abstieg, Polizisten frieren). Offenbar ist es der Wüstenhauch, der unserer frischen Waldheimat gefehlt hat, auch eine gewisse Undurchschaubarkeit und Eleganz.

Untertänigkeit

Jordanien hat allerdings etwas weniger "Untertanen" als Österreich, was den hier allseits geforderten "Patriotismus" nur stärken kann - schließlich kann es ohnehin kein Land mit österreichischen Untertanen aufnehmen, nicht der Zahl, sondern der Untertänigkeitsqualität nach. Im Fernsehbild schreitet Bundespräsident Klestil mit eisigem Monarchengesicht an den aufgebotenen Wachen vorbei. Beide Länder haben ein "Investitionsschutzabkommen" unterzeichnet. Alles bedeutungsschwer.

Man sucht nach einer Zigarette und kommt endlich auf den Gedanken, auf einen anderen Sender umzuschalten. Beim Wetterbericht aus der Holsteinischen Schweiz taucht auch ein neuer Aspekt auf: nasse Wiesen, ein frischer Wind. Alles ruhiger und urbaner als die hektische Provinzialität der ORF-Nachrichtentexte. Auf wieder einem anderem Sender sieht man kurz noch Sophie Freud, die zweiundachtzigjährige Enkelin. Sie wirkt erstaunlich frisch und erholt, geht gerne ins Kino und will sich in Wien begraben lassen. Sie versucht gar nicht zu erklären, weshalb.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 1. 2001)

Das "Journal" wird nächsten Freitag fortgesetzt.
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