Sonnenschlange auf der Maya-Kultstätte

25. Jänner 2001, 10:15

Die Pyramide ist ein steinerner Kalender

Mexiko - Alljährlich lockt ein Naturphänomen in Chichen Itza auf der mexikanischen Halbinsel Yukatan Hunderte Schaulustige an: An der Nordrampe der großen Stufenpyramide ("El Castillo") wälzt sich - scheinbar - eine Sonnenschlange zu Boden. Licht- und Schattenspiele auf den Terrassen der rund 23 Meter hohen Pyramide bilden sieben Dreiecke. Kurz vor Sonnenuntergang "klettert" die Schlange - eines der Symbole des Schöpfergottes Quetzalcoatl - über die 91 Stufen der Rampe in die Tiefe.

Das Geheimnis des über einem älteren Bauwerk errichteten Tempels im Norden der Halbinsel ist inzwischen gelöst. Die Pyramide stellt nicht nur eine Maya-Kultstätte im Dschungel für Quetzalcoatl in der Erscheinungsform der gefiederten Schlange dar, sondern auch einen steinernen Kalender. Ursprünglich hatte "El Castillo" vier Rampen (zwei wurden inzwischen restauriert) mit je 91 Stufen, das ergibt zusammen mit einer letzten Stufe zur Tempelplattform die Zahl der 365 Tage des Sonnenjahres. Auch die 18 "Monate" und 52 "Jahre" der Maya-Zeitrechnung finden sich auf der Pyramide wieder.

Geringe Abweichung

Ein benachbartes "Observatorium" - der Rundbau wurde von den Spanischen Eroberern wegen seines spiralförmigen Eingangs "El Caracol" (Schneckenhaus") genannt - ermöglichte den Maya-Archäoastronomen neben der Berechnung des Sonnenjahres mit 365,2420 Tagen - eine Abweichung von lediglich 0,0002 Tagen - beispielsweise jene der Umlaufzeit der Venus mit 384 Tagen - eine Differenz von 0,08 Tagen.

Insgesamt wurden in Chichen Itza - von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt - bisher über 20 Bauwerke ausgegraben. Dazu zählen der größte Ballspielplatz Mittelamerikas mit rund 150 Metern Länge, die Gruppe der tausend Säulen - ursprünglich eine überdeckte Kolonnade -, der Kriegertempel mit der großen Steinskulptur des Gottes Chac-Mool, der Tempel des Jaguars, das so genannte Nonnenkloster und das Grab des Hohenpriesters.

"Am Brunnen der Itza"

Früheste Siedlungsreste (Tonscherben) sind aus der Zeit von 300 bis 100 vor Christus nachzuweisen. Erste Bauten stammen aus der Zeit von 600 bis 900 nach Christus. Um 920 wurde die Siedlung von den Itza-Maya besetzt, daher auch der Name: Chichen Itza bedeutet "Am Brunnen der Itza". Nach dem Niedergang der Maya-Kultur erlebte das Kultzentrum in der Tolteken-Zeit im 11. und 12. Jahrhundert eine zweite Hochblüte und blieb auch später Wallfahrtsort.

Quetzalcoatl - von den Maya Kukulcan genannt - war der Schöpfer, der Gott der Weisheit und der Wissenschaft. Er wurde verschiedentlich auch als Windgott und Gott des Planeten Venus verehrt. Der Glaube an seine Wiederkehr und die Übernahme einer weltlichen Herrschaft führte dazu, dass der Aztekenherrscher Montezuma II. (um 1466-1520) den spanischen Eroberer Hernan Cortes für einen Gott hielt, weil er 1519 an Quetzalcoatls Geburtstag in Mexiko gelandet war. Der Spanier "revanchierte" sich, indem er Montezuma gefangen nehmen ließ. (APA)

  • Artikelbild
    foto: henri stierlin
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