Eine Brise Muskat

20. Mai 2005, 09:07
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Auf der westindischen Gewürzinsel Grenada spielt die Nuss eine wahrhaft staatstragende Rolle.

"Ya, man", sagt Ralph zufrieden und nippt an seinem Rumpunsch. Die Küche ist winzig, über der einzigen Gasflamme köchelt Callalloo. Ausnahmsweise. Das Nationalgericht Grenadas, eine Suppe aus spinatähnlichem Gemüse, kocht Ralph nur, wenn "friends from the beach" zu Besuch sind. In den Umrührpausen führt er durch sein Haus: zehn Quadratmeter auf Holzstelzen, ein Tisch, ein Bett, ein Fernsehapparat für fünfzig Kabelkanäle, eine CD-Anlage mit rot markierter Turbobass-Taste. Die vier Lautsprecher kennen keinen anderen Output als Reggae. "Bob Marley wohnt bei mir ", grinst Ralph. Das behaupten viele jungen Männer auf Grenada, egal ob Rasta oder nicht.

Coconut-Man

Alvin ist Rastaman. Aber nicht nur das. Auf der Grand Anse, dem supertollen, drei Kilometer langen, weißen Sandstrand bei der grenadischen Hauptstadt St. George's, stellt sich Alvin immer als Coconut-Man vor. Ab und zu gelingt es ihm, durstigen Neuankömmlingen für eine Kokosnuss zehn karibische Dollar abzuknöpfen. Auf dem Marktplatz in der Stadt könnte man sich dafür mit sieben Stück eindecken - hätte aber noch nicht das Problem des harten Naturgebindes gelöst. Alvin freilich erledigt das mit zwei Machetenhieben. Service is his success.

"Das richtige Grenada beginnt damit, dass man es richtig ausspricht." Da sind sich Ralph, der Touristen per Boot zu den schönsten Tauchplätzen in der Nähe der Hauptstadt bringt, und Alvin einig. Beide sagen [Grenada]. Die andere Variante ist [Gränäida] - also astrein Englisch, wie es jeder Brite oder US-Amerikaner beherrscht. Zu beiden Nationen haben die englischsprechenden Grenadier ein belastetes Verhältnis. Dass die USA 1983 die Insel besetzten, um dem kommunistischen Kuba (und der DDR) die Krallen zu zeigen, haben viele nicht verziehen. Das britische Kolonialjoch hatte nur neun Jahre zuvor geendet, Grenada blieb aber bis heute Mitglied im britischen Commonwealth. Deswegen darf die Queen von jedem ostkaribischen Dollar lächeln.

Auch bei der geographischen Einordnung der knapp 350 Quadratkilometer kleinen Vulkaninsel gibt es verwirrende Nebeneinander. Grenada ist Teil der Westindischen Inseln, liegt im Inselbogen der Antillen, gehört zu den Kleinen Antillen, genauer zu den Inseln über dem Winde, noch genauer zu den Windward Islands. Oder so ähnlich.

Karibische Gewürzinsel

Schon auf der Gangway nach der Landung auf der bemerkenswert kurzen Piste umweht eine Brise Muskat die Nase. Und die Gerüche im üppigen Regenwald erinnern an die heimatliche Küche: Zimt, Nelken, Lorbeer, Ingwer und eben Muskatnuss, die es sogar bis auf die Nationalflagge gebracht hat. Die getrockneten Schalen der Frucht knirschen unter vielen Wanderschuhen, sie werden als Streu genutzt. Wie zum Beispiel auf dem Weg zu den Anandale Falls, den bekanntesten Wasserfällen im Dschungel.

Dort, wo das Wasser aus fast zwanzig Metern Höhe in ein vier Meter tiefes Becken stürzt, wartet Karib auf Kundschaft. Er nennt sich nach dem grenadischen Bier und ist der "Local Entertainer". Gleich werde er denselben Weg wie das Wasser nehmen. Im freien Fall. "Über eine Anerkennung sprechen wir später." Eine Minuten später trocknet er sich schon wieder ab und nimmt nur US-Dollars.

Vertrauen zu Busfahrern

Wer den Süden auf dem Landweg Richtung Norden verlässt und selbst fährt, braucht gute Reaktionsfähigkeit. Oder nimmt die Schlagkrater, wie sie kommen. Besser können es auf jeden Fall die Driver der öffentlichen Minibusse, deren Routen erst dort enden, wo der Regenwald nichts Zweispuriges mehr durchlässt. Am Straßenrand stehen heißt "ich will mitfahren". Ein Brüllen aus einem mit Reggae auf höchster Lautstärke beschallten Bus ist nicht boshaft gemeint, sondern nur die Frage, wohin es gehen soll. Busnummern sind unbekannt, dafür haben die Gefährte beeindruckende Namen wie "Attack" oder "Vibrations". "False Alarm" hatte einmal einen Unfall, nach dem sich das Gerücht verbreitete, der Lenker sei tot. Doch bis heute kurvt er Fahrgäste in den vom Massentourismus verschonten Norden. Die wenigen Unterkünfte sind hier exklusiv versteckt. Der Österreicher Michael Böhm, Sohn von Max, hat sich am Palmenstrand sein (mietbares) Privatparadies "Cabier Vision" verwirklicht.

Von Ruhe hält man im Süden wenig. Schon gar nicht am Wochenende. "Esst auf", drängt Ralph. "Wir wollen ins Nightlife." Die Nächte auf Grenada sind ganzjährig lang. Wegen der relativen Nähe zum Äquator vertschüsst sich die Sonne täglich zwischen sechs und sieben Uhr abends. Und das Kipferl des Halbmondes liegt auf dem Rücken. Michael Simoner

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