Dem Führer entgegenarbeiten

24. Jänner 2001, 11:11

Nach dem gefeierten ersten Teil seiner Hitlerbiografie handelt Ian Kershaw nun in einem zweiten Band auf 1300 Seiten die letzten Jahre Hitlers und des Dritten Reiches ab.

Bis vor kurzem hatte die Biografie als Darstellungsform wenig Ansehen in der Geschichtsschreibung. Man war von den "Strukturen" fasziniert und überließ die Biografie den Journalisten, die freilich manchmal, wie Joachim Fest in seiner Hitlerbiografie, daraus ein historiographisches Glanzstück machten. Der NS-Spezialist Ian Kershaw war mit den Problemen der Hitlerkontroversen gut vertraut, als er sich an die Arbeit einer neuen, auf dem Stand der Forschung stehenden Hitlerbiografie machte. Er wählte dabei das Modell der "charismatischen Herrschaft" von Max Weber als Ansatz; der Versuch, Hitler von den Strukturen der deutschen Gesellschaft her zu erklären, eine Art der gesellschaftsgeschichtlichen Fundierung der Biografie. Das ist im ersten Band auch geglückt und hat Kershaw großes Lob von der Kollegenschaft eingebracht. Der zweite Band wurde bereits mit deutlich mehr Skepsis aufgenommen.

Tatsächlich ist der zweite Band sehr schnell gearbeitet. Der Fluss der Erzählung schleppt viel unnötiges Geröll mit sich, mäandriert in ein zu weites Umfeld, wiederholt sich ständig. Irgendwann hat Kershaw die Lust an dem Modell der "charismatischen Herrschaft" verloren, jedenfalls fasst er es nicht mehr mit der nötigen analytischen Schärfe ins Auge. Die Biografie wird auf weiten Strecken eine konventionelle Diplomatie- und Militärgeschichte, allerdings auf hohem Niveau.

Im Vorwort positioniert Kershaw die historische Gestalt Hitler als einen, der nichts für die kommende Generation hinterlassen hat als ein gewaltiges moralisches Trauma. Er steht als verhassteste Figur des 20. Jahrhunderts da. Aber das Böse an und für sich - so Kershaw - erklärt wenig, jedenfalls nicht die Frage, wie ein Volk, das aus ganz gewöhnlichen Menschen bestand, wie dieses Volk und seine Repräsentanten die eigene Zerstörung herbeiführen konnten? 1936, mit diesem Jahr setzt der zweite Band ein, trug Hitler der fast einhellige Beifall des deutschen Volkes. Er hatte Deutschland aus dem Elend gerettet und eilte von einem außenpolitischen Triumph zum nächsten. Doch die Dynamik der Herrschaft kannte keinen Stillstand; sie enthielt von Anfang an den Keim der "kumulativen Radikalisierung". Hitler präsentierte sich zwar der Öffentlichkeit als Mann des Friedens, aber sein Spielerinstinkt suchte bereits das nächste Opfer und bereitete sich auf den Krieg vor: Lebensraum im Osten war das unverrückbare Ziel. Der Führermythos bannte dabei nicht nur das Volk, Hitler selbst wurde zum Opfer seiner eigenen Magie. Er hielt sich von der Vorsehung ausgewählt, Europa vor den Juden und dem Bolschewismus zu retten. Gleichzeitig Hypochonder, der nur kurz zu leben meinte, wollte er diesen Krieg, den nur er als "Auserwählter" führen konnte, möglichst rasch beginnen.

Im Sommer 1937 blickte Hitler auf Österreich und die Tschechoslowakei als die ersten außenpolitischen Opfer. Bei der Darstellung des Anschlusses 1938 passierte Kershaw jedoch ein peinlicher Fehler (vielleicht ist es auch nur ein Übersetzungsproblem). Die Parole der geplanten Volksbefragung am 13. März 1938 lautete im zweiten Teil: "Für Friede und Arbeit und die Gleichberechtigung aller, die sich zu Volk und Vaterland bekennen." Daraus machte Kershaw: "Für Freiheit und Arbeit, und für die Gleichheit aller, die sich für Rasse und Vaterland entscheiden" (120). "Volk" oder "Rasse" machen aber genau den Unterschied zwischen dem autoritären Ständestaat und der NS-Herrschaft aus. Kershaw erfasst jedoch genau die Bedeutung des Einmarsches in Österreich für Hitler: Der Rausch der Massen verlieh ihm erst das Gefühl, quasi Gott zu sein, und der Anschluss setzte dann die Achterbahnfahrt der außenpolitischen Expansion in Gang. Bis 1939 beruhte Hitlers Prestige auf Erfolgen ohne Blutvergießen. Mit dem Angriff auf Polen war der europäische Krieg da - und Hitler war zunächst ratlos. Dann aber trieb er das Va-banque-Spiel immer weiter. Denn im Krieg - so Hitler - gehe es nicht um Recht oder Unrecht, sondern um Sein oder Nichtsein eines Volkes. Gleichzeitig radikalisierte er die Politik gegen die Juden. Am 30. Jänner 1939 drohte er mit der "Vernichtung der jüdischen Rasse". Das war zunächst noch Rhetorik, denn ein Gesamtprogramm existierte noch nicht, doch mit den Deportationen wurde eine weitere Stufe auf dem Weg zum Holocaust erreicht. Und die Aktionen der Einsatztruppen gegen die Polen forderten bereits 60.000 Opfer.

Nach einem Gettobesuch notierte Joseph Goebbels: "Das sind keine Menschen mehr, das sind Tiere. Das ist deshalb keine humanitäre, sondern eine chirurgische Aufgabe." Während der Krieg im Westen und Norden noch relativ konventionell geführt wurde, setzte im Osten, im Krieg gegen die Sowjetunion, der rassistische Vernichtungskrieg ein. 1941 verschmolzen die Zwillingsobsessionen Hitlers: der Kampf gegen die Juden mit dem Kampf für mehr deutschen Lebensraum. Während des Krieges jedoch rückte Hitler den Regierungsgeschäften immer ferner. Er brauchte nur die Richtung anzugeben. Die höheren und mittleren Führer von Partei, SS und Wehrmacht waren bereits von sich aus bestrebt, Hitler "entgegenzuarbeiten". Das ist eine Formel, die Kershaw im zweiten Band seiner Hitlerbiografie mehr als zwanzigmal verwendet. Das ist auch die Formel, mit der Kershaw den Holocaust zu erklären versucht. Hitler wiederholte 1941 die Prophezeiung der Vernichtung der Juden. Das genügte. Es bedurfte keines speziellen Befehls; wahrscheinlich gab es gar keine zentrale Entscheidung.

Hier nun stößt der Biograf auf eine merkwürdige Leere. Kershaw lässt keinen Zweifel: Hitler trug die Verantwortung für den Genozid. Aber Hitler selbst sprach nur in dunklen Andeutungen von dieser blutigen Realität. Auch im engsten Kreis schwieg er, ja das Thema durfte nicht erwähnt werden. Seit die Blitzkriegsstrategie vor Moskau scheiterte, erlitt Hitler, vergraben in der "Wolfsschanze", immer mehr Realitätsverluste. Er besuchte kein Lazarett, kein KZ, keine Bombenflüchtlinge. Zu General Heinz Guderian sagte Hitler: "Aus der Entfernung sieht man die Dinge schärfer." Als er zufällig einen Zug mit müden, ausgebrannten Soldaten am Nebengleis sah, ließ er die Rollläden an den Fenstern herunter. Warum verwendet Hitler auch im engsten Kreis nur eine Geheimsprache, wenn es um die Ermordung der Juden geht? Er, dessen krankhafter Hass auf die Juden doch ein Grundgefühl seines Lebens war? Er, der Nächte lang über Gott und die Welt schwadronierte? Dieses dunkle Geheimnis kann auch Kershaw nicht überzeugend erklären.

Als die Kriegserfolge ausblieben, mied Hitler auch das Volk. Er weigerte sich, seine stärkste Waffe, seine Rhetorik, einzusetzen. 1944 hielt er keine einzige öffentliche Rede. Ohne Erfolge melden zu können, versagte eben auch die Rhetorik. Das aber hat Folgen für das Interpretationsmuster der "charismatischen Herrschaft". Das Charisma basierte auf der direkten Begegnung des charismatischen Führers mit seiner Gefolgschaft. Diese Begegnung blieb aus. Doch der Hitlermythos lebte in breiten Kreisen weiter bis fast ins Jahr 1945. Es war eine charismatische Herrschaft mit einem unsichtbaren Führer. Das ergibt ziemliche Interpretationsschwierigkeiten.

Adolf Hitler war ein Meister des Surrealismus. Je schlechter die Nachrichten von den Fronten, je knapper die Ressourcen für das Reich wurden, je näher die Alliierten an Berlin herankamen, desto fanatischer hielt er an der Kraft des Willens fest und floh ins Reich der Fantasie. Seit jeher brauchte er Sündenböcke. Er feuerte einen General nach dem anderen. Überall witterte er Verrat, besonders im Generalstab, verstärkt nach dem 20. Juli 1944. Auch als er in wachen Momenten erkannte, dass der Krieg verloren war, hielt er daran fest: "Wir kapitulieren nicht, niemals. Wir können untergehen. Aber wir werden eine Welt mitnehmen." Dieser körperlich und psychisch kranke Mann, der längst an chronischer Schlaflosigkeit litt, täglich 28 Pillen einnahm, der deutlich das Parkinson-Syndrom aufwies, kaum mehr an die frische Luft ging, der den Tag zur Nacht machte, der von einem unkontrollierten Wutanfall in den anderen geriet, Hitler inszenierte nur mehr den Untergang. Den Untergang seines Regimes und des deutschen Volkes. Die Menschen waren ihm seit jeher egal. Das deutsche Volk hatte sich seinem Führer nicht würdig erwiesen. Daher sei es zum Untergang bestimmt. Das mag ein Stück Paranoia gewesen sein, aber, wie Kershaw festhielt, dieser Mann war kein klinischer Fall. Er hatte den Nationalsozialismus geschaffen, und er zog aus dieser Ideologie die radikale Konsequenz: Nachdem er und sein Regime Europa mit gnadenlosen Morden überzogen hatte, blieb nur mehr der Selbstmord.

Wofür steht Hitler? Kershaw fasst es im Epilog mit einem Satz zusammen: "Hitlers Name steht zu Recht für alle Zeiten als der des obersten Anstifters des tiefreichendsten Zusammenbruchs der Zivilisation der Moderne." Deshalb müssen wir uns, notgedrungen, immer wieder mit ihm befassen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21. 1. 2001).

Ian Kershaw: Hitler 1936-1945.

öS 642,-/EURO46,60

1343 Seiten.

DVA, Stuttgart 2000.

Eine Einschätzung des Mammutwerkes von Ernst Hanisch

Ernst Hanisch, Prof. für Neuere österreichische Geschichte an der Universität Salzburg.
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