Ein Jahr im Zeichen der Bären

21. Jänner 2001, 21:51

Morgan Stanley: Jetzt nur kurzfristiges Aufatmen - neue Verluste stehen bevor

Das internationale Investmenthaus Morgan Stanley bleibt recht pessimistisch für die Aktienmärkte. Die jüngsten Zinssenkungen in den USA hätten lediglich eine kurzfristige Gegenbewegung ausgelöst. Auch die teilweise Erholung in Europa werde nur kurz andauern.

Demnächst seien neue Einbrüche zu erwarten, heißt es in der jüngsten Analyse. Betroffen wären davon nicht nur Technologieaktien, sondern auch die so genannte Old Economy. International erwartet Morgan Stanley einen Rückgang der Kursniveaus um durchschnittlich fünf Prozent, wobei die Abwärtsbewegung im ersten Halbjahr zu beobachten sein werde. Im Mai (nach den Ergebnissen des 4. Quartals) erwarten die Experten dann eine Bodenbildung, folgend eine Aufwärtsbewegung im zweiten Halbjahr.

Rezessionsrisken im ersten Halbjahr

Makroökonomisch steht bei diesem Szenario eine weitere Zinssenkung in den USA um 100 Basispunkte im Hintergrund, zwei Zinsschritte der Europäischen Zentralbank im März und eventuell im zweiten Quartal werden ebenfalls unterstellt. Dies werde aber an den Rezessionsrisken im ersten Halbjahr nichts ändern und auch keinen positiven Einfluss auf die Unternehmensgewinne haben, die Morgan Stanley mit nur drei Prozent Gewinnplus je Aktie bei den europäischen Titeln errechnet.

Kurz gefasst: Die derzeitige Situation sei vergleichbar mit 1989, als die Aktienmärkte auf Zinssenkungen mit zehn Prozent Plus reagiert hatten, im Verlauf trotz weiterer Lockerung der Geldpolitik seitwärts verlaufen waren, um dann im Zuge der Kuwait-Invasion einzubrechen.

Besonders skeptisch ist Analyst Richard Davidson gegenüber den Technologieaktien: Die Gewinnprognosen seien noch immer unrealistisch, die Aktien vielfach noch immer zu teuer: Vorschauen der Finanzagentur IBES weisen noch 29 Prozent Gewinnwachstum je Aktie in diesem Segment aus. Das werde sich wohl bald halbiert haben, warnt Morgan Stanley, und verweist auf Ausgabenkürzungen und eingefrorene Kapitalströme.

Schwimmen nahe der Küste

Auch die Vorschau für die Blue Chips ist noch nicht an die eisige Wirklichkeit angepasst, sagt Barton M. Biggs, der etwa Wachstumserwartungen von zwölf Prozent für die Pharmaindustrie für viel zu hoch hält. "Es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um größere Engagements einzugehen", warnt er vor falschen Reflexen und empfiehlt: Schwimmen nahe der Küste.

Wer derzeit kaufen wolle, der solle sich an den Telekom-Sektor halten, der mit seiner hohen Verschuldung einerseits von Zinssenkungen profitiere und andererseits aber auf realistischen Preisniveaus notiere. Favoriten der Morgan Stanleys sind Vodafone, die spanische Telefónica und Cable&Wireless.

Der Einstiegszeitpunkt bei zyklischen Aktien sei noch nicht gekommen: Historisch haben diese Titel erst drei Monate nach einer Zinssenkung mit einer Performance gestartet, also: kaufen erst ab dem dritten Quartal. Anders europäische Bankentitel, die einerseits günstig bewertet und andererseits Zinsprofiteure seien. Im Focus stehen dabei spanische und skandinavische Titel. Vorsicht sei bei Pharmazie und Gebrauchsgütern geboten, weil sie bereits gut bewertet seien. Anfällig für einen Sektor-Ausverkauf seien demnächst Nahrungs-und Genussmittelaktien, wobei auch der schwächere Dollar belaste. (Karin Bauer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 1 . 2001)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.